Stimme kaputt – was nun?

Das war schon der Hammer. Da singe und musiziere ich selbst seit 50 Jahren, leite Chöre in Schule und Verein, übe täglich mit Jugendlichen Stimmbildung und dirigiere Kammer- und Sinfonieorchester. Und nun diagnostiziert mir die Fachärztin auf jedem Stimmband einen Polypen und das Auseinandergehen der Stimmlippen im unteren Bereich. Es sei mir erlaubt, für die Leser der LAG (Landesarbeitsgemeinschaft SCHULCHOR Baden-Württemberg) meinen Fall darzustellen, wie das Problem kam, wie ich es therapieren konnte und – vor allem – wie ich es anstellen konnte, dass heute, ein gutes Jahr später, die gleiche Ärztin eine totale Heilung feststellen kann.

Vorweg sei gesagt: Die Krankenkasse musste mitspielen. Sie tat es auch, mein Geldbeutel bekam kein Loch. Aber der Reihe nach.

1. Vorgeschichte:
Die größte Schwierigkeit sah ich in früheren Jahren bei Dauerstress in zunehmendem Alter in der Gefahr von Kreislauferkrankungen. Deshalb habe ich auch gerne mein abendliches Viertele Rotwein genossen und im Schrank lagen immer Schokoladentafeln bereit. Doch im September 2002 fiel mir auf, dass meine Stimme oft morgens einfach nicht in Ordnung war. Ich musste mich allzu oft räuspern, erst nach der ersten Schulstunde „funktionierte“ die Stimme wieder brauchbar.

So fand ich den Weg zu jener Ärztin nach München, zu der ich schon mehrere Jugendliche wegen deren
Probleme geschickt hatte. Mir war bekannt, dass es in unserer Republik nur eine kleine Handvoll HNO-Ärzte gibt, die sich auf die Behandlung der Stimme spezialisiert haben und dies auch mit guter Reputation durchführen. Sie stellte auf jedem Stimmband einen Polypen fest, der eine zwar klein, aber ausgewachsen, der andere im Entstehen begriffen. Auch mein Hausarzt fand eine Spur – etwas vereinfachend formuliert: Heliobakterbakterien sorgten in der Speiseröhre für eine Erweiterung. Dadurch konnte Magensäure die Stimmlippen angreifen – man denke an Sodbrennen. Den Rest besorgte die stimmliche Belastung eines Musiklehrers.

2. Therapie:
In der Fachsprache heißt das Problem u.a. „akute Dysphonie bei Zustand nach stimmlicher Überlastungssituation“. Die Ärztin zeigte mir am Bildschirm die von ihrer Kamera aufgenommenen Farbbilder meiner Stimmlippen. Sie lies bezüglich eines chirurgischen Eingriffs nicht mit sich reden, die Polypen mussten weg. Und sie bot mir eine logopädische Therapie an, die ich in meiner Heimatstadt nebe der beruflichen Arbeit hättedurchführen können, riet mir aber zu einem 4-6-wöchigen Krankenhausaufenthalt in der einzigen in Deutschland befindlichen „Klinik fürStimm- und Spracherkrankungen“ in Weilmünsterin Hessen.

Aus Zeitgründen lehnte ich zunächst alles ab, was sollte mit meinen Musikgruppen geschehen? Doch wenn man 3 Stunden für eine Heimreise benötigt – das Fahren mit dem Zug kann sehr beruhigen – findet man Zeit zum Nachdenken. Heute stelle ich fest, dass genau dies der erste Ansatzpunkt für eine Bewältigung der Probleme war: sich Zeit nehmen.

3. Durchführung der Therapie:
Für die Durchführung der Operation waren stationär 3 Tage vorgesehen, für den eigentliche Eingriff genügten 10 Minuten. Dann Sprechverbot für 2 Wochen, Fernbleiben vom Unterricht. Kauf einer 35 x 40 cm großen Schreibtafel. Der öffentliche Auftritt meines „Fünfer“-Choreswar erlaubt. Das Reden und Einsingen übernahm meine Schüler-Solistin. Und beim Dirigieren kann manden Mund halten. Die restlichen Vorbereitungen u.a. für das Musical zum Stadtfest…

Abtauchen in die Klinik war angesagt. Der Aufenthalt in dem Klinikum ist der 2. Teil des Erfolges zur Genesung. Was ich dort gelernt habe, lässt sich in dem Personalaufwand des Klinikums (etwa 25 Betten) ablesen, der nötig ist: 2 hervorragende Ärztinnen für HNO, 2 Psychologinnen, 6 LogopädInnen, sowie Motopädie (Bewegungstherapie), Musiktherapie und das Fachpersonal einer Klinik. Näherauf die Behandlung in der Klinik einzugehen, sprengt den Rahmen dieses Berichtes. Wer mehr wissen will: Telefon
07544-3428.

4. Unterricht mit Funkmikrophon:
Ich werde den ersten Tag in der Schule nie mehr vergessen: Ich stand in einer Ecke im Gang und fragte mich: „Warum schreien hier alle? Warum rennen alle?“ Mir wurde zum ersten Mal bewusst, dass die Hektik einer Schulemit 2.400 Schülern ein weiterer Stolperstein für gestressteLehrer ist. Mittlerweile halte ich nahezu den gesamten Unterrichtmit einem Lavalier-Funkmikrophon, fahre einen kleinen Wagen vor mir her, der die Empfangstation (kleines Gerät), den Lautsprecher (größeres Gerät), meine Schultasche und eventuelle Bücher, Hefte etc. aufnimmt. Die Lautstärke lässt sich so regulieren, dass die
technische Hilfe akustisch kaum mehr auffällt. Jeder hat sich daran gewöhnt. Die Anlage wurde z. T. von der Schule finanziert, denn der Chef nimmt sie bei größeren Elternversammlungen auch gerne in Anspruch. Die Industrie-Blockbatterien habe ich im Hundertsatz für 2,50 EUR/Stck. eingekauft.

5. Ein Jahr danach
Heute, nach einem Jahr, könnte ich getrost den Wagen in die Ecke stellen. Ab und zu tu ich das. Die Stimme funktioniert schon fast wie in alten Zeiten, die Stimmlippen schließen auf der ganzen Länge. Doch ich habe die Vorteile eines ruhigeren Sprechens und die enorme Hilfe eines Mikrophons im Schulalltag und bei Proben am eigenen Leib schätzen gelernt. Und last but not least: Da ich heute weiß, dass Rotwein die Vermehrungder Heliobakter begünstigt, halte ich mich auch hier stark zurück.

Sigi Bütefisch, 27. Apr 2007, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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