Brummer im Kinderchor

Wie Sie mit wenig Aufwand ein Kind glücklich machen können.

In diesem Artikel finden Sie wissenschaftliche Erklärung und praktische Tipps und Übungen.

AUSGANGSLAGE
Wer kennt sie nicht: Kinder, die voll Begeisterung pünktlichst und regelmäßig zur Probe erscheinen, aber leider völlig desorientiert singen. Mancher Chorleiter sagt ihnen: „Geh’ lieber zum Fußball oder zum Ballett.“ Er macht einen großen Fehler, wenn er sagt: „Du bist unmusikalisch – du kannst nicht singen.“ Was widerfährt diesen Kindern? Wenn sie glaubwürdig oder mehrfach attestiert bekommen, sie seien unmusikalisch, werden sie mit der Zeit diese „Fachauskunft“ akzeptieren und letztlich ihr Leben lang darunter leiden: „Ich hätte ja immer so gerne gesungen, aber ich bin halt unmusikalisch.“ Häufig bekommt man solch eine Antwort, wenn man einen Erwachsenen auf das Singen anspricht.

Es gibt zwei wesentlich unterschiedliche Voraussetzungen für das Brummen:

I.    Organische Voraussetzungen

Dieser Fall ist höchst selten. „Organische Voraussetzungen“ meint, dass der Stimmapparat, im üblichen Fall die Stimmbänder, krankheitsbedingt nicht, oder nur stark eingeschränkt, in der Lage sind, kontrolliert Töne zu produzieren. Im Regelfall sind dies die sogenannten Schreiknötchen, also kleine Wucherungen auf den Stimmbändern, die aus einer Überbeanspruchung (Schreien, falsches Sprechen, Luft-Staugeräusche im Sport, so z. B. das Staugeräusch beim Aufschlag im Tennis) resultieren. Diese Fehlfunktion sehe ich bei maximal 5 % unserer Brummer. Eine Behandlung sollte in jedem Fall bei einem speziellen Hals-Nasen-Ohren-Arzt – ein Facharzt für Phoneatrie – und bei einem Logopäden (Sprecherzieher) erfolgen. Häufig ist auch die Hinzuziehung eines Familientherapeuten hilfreich, da oft die kleineren und schwächeren Geschwister betroffen sind, die sich gegen einen herben Umgangston innerhalb ihrer Familie, insbesondere ältere Geschwister durchsetzen müssen.
Genannt werden müssen hier auch die stimmlichen Veränderungen der Mutation. In dieser Zeit des Stimmbandwachstums ist eine gewisse Orientierungslosigkeit entwicklungsbedingt.

II.    Andere Voraussetzungen

Geben wir unserem typischen Brummerkind einen Ton vom Instrument an oder singen ihm diesen Ton vor, singt das Kind häufig einen zu tiefen Ton, manchmal auch einen viel zu hohen Ton nach. Dabei handelt es sich um eine „Orientierungsschwäche“ – die Verbindung zwischen dem Hören (Ohr) und dem Reproduzieren (Stimme) ist nicht justiert, d.h. desorientiert.

Jedes Kind dieses zweiten Typus kann durch Ihre Hilfe singen lernen!
Die Gründe dieser gehäuft auftretenden Singstörung ist schnell ausgemacht: den Kindern wird durch die Medien und durch frühkindliche Bezugspersonen Liedgut in zu tiefer, also nicht kindgerechter Tonlage angeboten.

Wie erkennt ein Kind einen Ton?

In erster Linie denken wir natürlich an das Ohr. Schallwellen treffen im Ohr auf das Trommelfell. Dort werden sie über verschiedene Knöchelchen in letztlich elektrische Impulse umgewandelt und im Gehirn erkannt. Es gibt aber noch eine zweite, unbekanntere Art des Erkennens von Tönen:
Spreche ich mit einer Person und verfolgt diese mein Sprechen aufmerksam, dann werden die Spannungsverhältnisse meiner Stimmbänder von meinen Gegenüber mitvollzogen. Vielleicht kennen Sie das Phänomen, dass Sie Verspannungen (Halsschmerzen) spüren, wenn Sie einem schlechten Sprecher zuhören und Sie sich vom Zuhören gar räsupern müssen.

Wir sollten uns bei diesen Kindern immer beider Möglichkeiten des Zuhörens bedienen.

Hier wird sogleich zweierlei deutlich: Ein Reproduzieren von Tönen, die von einem Instrument vorgespielt werden, ist für diese Art des Hörens sinnlos. Ein Vorsänger muss möglichst die selben stimmlichen Voraussetzungen haben wie das Kind, das nachsingen soll.
So ist das Reproduzieren, um den krassesten Fall zu nennen, kaum möglich, wenn ein männlicher Chorleiter – gleich auf welche Art auch immer – einer Kinderstimme vorsingt.

Wichtige pädagogische Regeln   

1.    Ein Brummerkind kennt sein Problem. Sie sind nicht der Erste, der sein Problem entdeckt. Das Kind hat bereits mehr oder weniger Verklemmungen oder Komplexe. Steigern Sie diese Komplexe nicht!
2.    Stellen Sie das Kind nicht vor dem Chor oder seinen Freunden bloß – machen Sie dem Kind gegenüber objektive Feststellungen.
3.    Sagen Sie dem Kind, dass Sie ihm helfen können. Bestätigen Sie ihm, dass dies lediglich ein kleines Problem ist, das schon viele vor ihm hatten.
4.    Fragen Sie das Kind, ob es möchte, dass Sie ihm helfen. Sichern Sie ihm zu, dass diese Hilfe nicht vor dem ganzen Chor geschieht.
5.    Erarbeiten Sie gemeinsam mit dem Kind einen Ablaufplan für das weitere Vorgehen.

VORGEHENSWEISE

I.    Wählen Sie aus dem Chor ein Vorsinge-Kind aus, das mit dem Brummer die selbe „Wellenlänge“ hat. Das meint:

–    die Kinder sollten dieselbe stimmliche Entwicklungsstufe haben (Alter, Konstitution);
–    die Kinder sollten dieselbe Klangfarbe ihrer Stimmen haben;
–    die Kinder sollten sich sympathisch sein und sich vertrauen können;
–    das Vorsinge-Kind sollte von Ihnen vorgesungene Töne sicher und genau reproduzieren können;
–    das Vorsinge-Kind muss helfen wollen;
–    der Brummer sollte mit dieser Person einverstanden sein.

Das ausgewählte Vorsinge-Kind ist nun Ihr „Dolmetscher“. Seine Aufgabe ist es in diesem ersten Stadium, von Ihnen vorgegebene Töne in

–    die richtige Klangfarbe
–    die richtige Stimmbandspannung
–    und in die richtige Tonlage
zu übersetzen.

II.     Vereinbaren Sie mit beiden verbindliche Termine und Treffpunkte.
Gehen Sie sinnvollerweise zunächst von ca. 10 Terminen zu je 10-15 Minuten aus. Die können in der großen Schulpause, vor oder nach der Chorprobe liegen.

III.    Wählen Sie einen Ort, wo es sich unbeobachtet und ungestört arbeiten lässt, der aber trotzdem freundlich und hell ist.

IV.    Seien Sie immer freundlich und positiv dem Kind gegenüber. Es spürt gleich, wenn Sie keine Lust haben.

PRAXISTIPPS

Beim ersten Zusammentreffen des „Teams“ singen Sie den beiden Kindern einen Ton in einer bequemen Mittellage auf einer Tonsilbe vor und lassen ihn von beiden nachsingen.

Passen Sie die Tonhöhe dem Kind an

Bewerten Sie den falschen Ton: „Der Ton war zu niedrig/zu hoch“.

Lassen Sie nun das Vorsinge-Kind den Ton singen. Die beiden Kinder stehen sich dabei gegenüber.
Das „Brummer-Kind“ soll nun versuchen, diesen Ton nachzusingen. Klappt das nicht, versuchen Sie mit flexibler Wortwahl den richtigen Weg zu zeigen. Seien Sie auch in der Wahl der Vokale flexibel – beachten Sie aber:

Höhere Töne – hellere Vokale

Nutzen Sie Synonyme:
–    hell, freundlich, spannungsvoll, helle Vokale (e, i) … für höher,
–    dunkel, traurig, entspannt, dunkle Vokale (a, o, u)… für tiefer.

Machen Sie bei kleinen Kindern eine Aufforderung, höher zu singen, auch durch Bewegungen oder seine Stellung deutlich
Stellen Sie einfach ein zu tief singendes Kind auf einen Stuhl, damit es „höher singt“.

Kommen Sie auf diese Weise zu keinem Ergebnis, lassen Sie das Vorsinge-Kind den „falschen Ton“ übernehmen und diesen gemeinsam singen. Klappt dies, ist ein großes Lob fällig.

Gehen Sie nun in der Folge von diesem Ton aus. Sprechen Sie mit den Kindern, damit eine Unterbrechung des Singens erreicht wird. Fragen Sie danach: „Kennt ihr euren Ton noch?“ Sollte dies schon geklappt haben, ist für das erste Treffen schon viel geleistet.

Bei den weiteren Treffen wird man immer wieder von vorne anfangen müssen. Lassen Sie sich dadurch nicht entmutigen. Es gibt Tage, an denen alles gleich auf Anhieb klappt, und beim nächsten Mal will nichts gelingen. Gehen Sie anhand der folgenden Notenbeispiele vor:

Wechsel der Vokale auf dem gleichen Ton,
auch andere Vokale benutzen
Wechsel der Vokale und Tonhöhen
Höhere Töne – hellere Vokale!
Tiefere Töne – dunklerer Vokale!
Ausweitung des Tonraumes,
syllabisch
melismatisch

mit Intervallsprüngen

Nehmen Sie sich aber nicht zu viel vor. Vermeiden Sie zunächst die Tonbereiche des Registerwechsels. Es werden viele kleine Schritte und ständige Wiederholungen nötig sein. Gehen Sie dabei konsequent vom Einfachen zum Schwierigen, so z.B. vom Syllabischen zum Melismatischen.
Arbeiten Sie bewusst auch mit Tönen im Kopfregister! Eine wichtige Regel lautet: vom schwachen zum starken Register  –  also von der Kopf- in die Bruststimme!
Lassen Sie das Brummer-Kind an Ihrer Chorarbeit teilhaben. Dabei sollte es am richtigen Platz sitzen. Das meint:
–    nicht an Außenseiterposition, also in der Grenzlage zwischen zwei Stimmen;
–    vor und zwischen sicheren Sängern;
–    bevorzugt in einer einfachen Stimme (Melodiestimme).

Sprechen Sie mit den Nebensitzern und vertrauen Sie ihnen Ihren Schützling an. Über sie erhalten Sie auch wertvolle Informationen darüber, wie sich der Brummer im Chor verhält; das kann abweichen von den Erfahrungen, die Sie mit der Einzelarbeit gemacht haben!
Wenn Sie auf diese Weise nach 10-15 Sitzungen à 15 Minuten das Kind auf den richtigen Kurs gebracht haben, wird es mit der Zeit seinen Weg finden und zunehmend sicherer werden. Kontrollieren Sie auch später immer wieder die Fortschritte des Kindes, und sparen Sie nie mit Lob!

Nehmen Sie sich bitte für diese Kinder Zeit! Es liegt in Ihrer Hand, diesen Kindern zu helfen und sie glücklich zu machen.

Sigi Bütefisch, 14. Apr 2009, Eltern-Kind-Musik, Kinderchöre, Nachwuchsarbeit / Werbung, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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