Dünger für die Wurzeln der Kultur

„Laienchöre als Scharnier zwischen Hochkultur und Publikum“. 

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Referat zur Beiratssitzung des Schwäbischen Chorverbands
Ludwigsburg, 25. April 2009
Von Susanne Benda, Musikredakteurin der „Stuttgarter Nachrichten“

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich danke herzlich, dass Sie mir Gelegenheit geben, hier vor und zu Ihnen zu sprechen. Lange habe ich nach einem Thema für mein Referat gesucht. Lange meinte ich es bei den Produzenten der vielleicht schönsten Klänge gefunden zu haben. Von Männerchören wollte ich vor Ihnen schwärmen. Doch dann merkte ich: Die Diskussion über die Nachwuchssorgen von Männerchören, die in den 80er und 90er Jahren allerorten – auch auf den Kulturseiten von Zeitungen – mit hohem Erregungsrad geführt wurden, sind heute kein zentrales Thema mehr, mit viel Kreativität und Offenheit sind hier bereits lange neue Wege beschritten worden.

 

Deshalb möchte ich die Zeit hier mit Ihnen nutzen, um Ihnen aus meiner Sicht als Musikredakteurin (der Stuttgarter Nachrichten) und aus meiner ganz persönlichen Perspektive als langjährige passionierte Chor-Sopranistin für Ihre Arbeit eine Hilfestellung zu geben, die ich gerne auch als Aufforderung verstanden wüsste.

 

„Dünger für die Wurzeln der Kultur- Laienchöre als Scharnier zwischen Hochkultur und Publikum“ lautet der (mittlerweile leicht modifizierte) Titel dieses Referats. Seine Grundthese lässt sich aus dieser Überschrift ableiten und lautet etwa so: Ohne die Rückendeckung, die Sie, sehr geehrte Damen und Herren, mit Ihrem Verband leisten, könnten Frieder Bernius, Helmuth Rilling, Dieter Kurz, könnten das SWR¬Vokalensemble Stuttgart, die Camerata vocale Freiburg, das Vokalensemble Rastatt und der Philharmonia Chor Stuttgart über kurz oder lang einpacken.

 

Aus, vorbei: Wenn nirgends mehr gesungen würde, wüsste bald keiner mehr das zu schätzen, was ambitionierte Laienensembles und spezialisierte Profichöre in Konzertsälen zum Klingen bringen. Und wo kein Nachwuchs mehr zum Singen angeleitet und vom Singen begeistert wird, geben sich auch Kulturinstitutionen als empfindliche Pflanzen und stellen ihr Wachstum ein.

 

Ohne die Breite dessen, was Sie alle hier tun, anregen, forttreiben und unterstützen, gäbe es keine Spitzenkunst – doch auch umgekehrt gilt: Ohne die Spitze, ohne Vorbilder, die anspornen, denen man nacheifern will, wird auch die Breite dünner.

 

Laien und Profis leben nicht nur im Bereich der Kultur im allgemeinen und nicht nur in der reichen Chorlandschaft des deutschen Südwestens im besonderen in einer engen Symbiose, und auch wenn ich mir als Musikjournalistin meiner parasitären Rolle neben dieser fruchtbaren Wechselbeziehung durchaus bewusst bin, so würde ich Ihnen allen doch am allerliebsten nur immer wieder ermunternd zurufen: Seien Sie selbstbewusst – gegenüber Vertretern der Medien und gegenüber Politikern, die beide oft unterschätzen, wie wichtig sowohl die kulturelle als auch die soziale Funktion von Chorarbeit heute ist.

 

Musik, sehr geehrte Damen und Herren, ist allgemeines Kultur- und Bildungsgut, ist Teil unserer Identität, und das Singen ist nicht nur die ursprünglichste Form der Musikausübung, sondern auch ihre mittel- oder sagen wir besser: ihre umwegloseste Art. Mund auf, Ton ab. Das Instrument Stimme kostet nichts, es muss nur gepflegt werden.

 

Es kann nicht angehen, dass die Urform des Musizierens in der heutigen Erziehung vom Aussterben bedroht ist, weil in Familien nicht mehr gesungen wird, weil die meisten Erzieherinnen in Kindergärten noch keine musikalische Grundausbildung genossen haben, weil Musik in Grundschulen in einem Fächerverbund untergeht und weil sie zudem oft von fachfremden Lehrkräften unterrichtet wird.

 

Es kann auch nicht angehen, wenn aus Statistiken hervorgeht, dass die musikalische Ausbildung von Kindern und Jugendlichen mittlerweile ein Privileg von Besserverdienenden geworden ist und dass bei Heranwachsenden aus einkommensschwachen Familien nachweislich ein erhöhter Medienkonsum das aktive Musizieren ersetzt. Denn so wächst uns ein U-Musik-Prekariat heran. Und die klassische Musik, die eine der stärksten Wurzeln unserer Kultur ist, wird immer weiter in die Nische gedrängt. – weil immer mehr junge Menschen sie gar nicht erst kennenlernen.

 

Zuletzt kann es ebenfalls nicht angehen, dass das Niveau der deutschen Gesangsstudenten an unseren Hochschulen seit Jahren sinkt, so dass es keinen wundern darf, wenn an deutschen Opernhäusern zunehmend russische und koreanische Sänger zu hören sind. Macht nix, denken Sie jetzt, wir haben dort ja Übertitelungsanlagen? Ach, wenn das nur so einfach wäre.

 

Es muss sich etwas ändern, meine sehr verehrten Damen und Herren. Deshalb wage ich es, jetzt hier vor Ihnen ein wenig zu fantasieren. Ich träume von einer ganz und gar demokratischen, aber absolut antiföderalistischen Gesamtsingkultur. Von Netzwerken zwischen Laienensembles und Profis, die beide eingesehen hätten, dass sie einander zum Überleben brauchen. Ich träume von Männerchören, die im „Freischütz“ an der Staatsoper vom Jähägervergnühügen singen, vor allem aber träume ich von Partnerschaften zwischen Hoch- und, nein, nicht Niedrig-, sondern Basiskultur. Dann bekämen etwa Laienchöre Besuche von Profis, jede vierte Probe fände als Konzertbesuch statt, gemeinsam gestaltete man Singstunden in Schulen und Kindergärten, Erzieherinnen und Lehrerinnen säßen in Sopran und Alt. An den Musikhochschulen, wo Singen für alle Studenten Pflichtfach wäre, würde sich auf Druck der Politik der Ausbildungsberuf des Stimmbildners etablieren, deshalb wäre in jedem Chor der Tenor die prächtigste, am luxuriösesten besetzte Stimme. An den Schulen würde den Schülern der Klang von Fremdsprachen singend nahegebracht – auch von professionellen Sängern, die als Pflicht-Nebenfach Pädagogik belegen müssten, und das Lied wäre für Schüler, die diese Gattung in fächerübergreifenden Unterrichtsstunden Deutsch/Musik kennenlernen, ein Türöffner für die Feinheit und Schönheit der von ihnen heute so gering geschätzten Lyrik.

 

Dass sich verfeindete Jugendbanden in Zukunft bei einer Begegnung in Stimmgruppen aufstellen, anstatt sich zu prügeln, will ich mir lieber nicht vorstellen. Aber ich träume von einer Hochkultur, die nicht mehr zu hoch ist für viele, sondern die von allen erreicht, verstanden und mit gespeist werden kann. Von Patenschaften zwischen Laien und Profis, die von beiden Seiten wirklich ernst genommen werden. Ich träume von einer Kulturnation, die ihren Namen verdient hat und sich nicht nur stolz mit ihm schmückt. Wir haben das in der Hand: Sie, Ihre Mitglieder, die etablierten Ausbildungs- und Kulturinstitutionen und auch die Medien, die beide begleiten. Gemeinsam sind wir stark.

 

Ich danke Ihnen
und bin für Fragen offen.

Wolfgang Layer, 28. Apr 2009, Chorgattung, Chorliteratur / Medien, Fortbildungen, Gaue und Verbände, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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