Mit neuen Strategien gegen den Sängerschwund

Der traditionelle Gesangverein ist ein Auslaufmodell, sagt Wolfgang Zeitler. Der 52-Jährige ist seit drei Jahren der Vorsitzende des Chorverbandes Ulm und entwickelt Strategien gegen den Sängerschwund.

HELMUT PUSCH

Chorverband Ulm? Bis zum vergangenen Jahr hieß der Dachverband von 119 Chören noch Sängergau Ulm. „Wir fanden das nicht mehr zeitgemäß“, sagt Wolfgang Zeitler, der vor drei Jahren den Vorsitz von Konrad Blank übernahm, der den Sängergau 43 Jahre lang geleitet hatte. Nicht nur wegen des braunen Beigeschmacks, der manchem beim Wort Gau beschleichen mag. „Wir haben nur nachvollzogen, was der Deutsche Sängerbund und der Schwäbische Sängerbund uns vorgemacht haben“, sagt Zeitler. Die hatten vor allem auf den Fakt reagiert, dass heute das Gros der Chor-Aktiven Frauen sind. Just diese Mehrheit fand sich im männlichen Sängergau nicht repräsentiert.

Doch der Namenswechsel ist nur einer der Punkte, die den Chorfunktionär umtreiben. „Wir haben Nachwuchsprobleme“, sagt Zeitler und meint damit jene Chöre, die er unter dem Prädikat Traditionsvereine einordnet. Jene Vereine, die wie vor Jahrzehnten schon sich vor allem dem deutschen Liedgut verpflichtet fühlen, dieses in ein oder zwei Konzerten pro Jahr zum Besten gegeben wird. Mal besser, mal schlechter. Chöre, bei denen der soziale Aspekt, also das gemütliche Beisammensein nach der Probe, ebenso wichtig ist wie die Musik. Und die leiden fast alle an Überalterung. Auf der anderen Seite gibt es aber viele neue Chöre, meist mit dem Zusatz „Jung“ im Namen. „Die jungen Leute wollen heute andere Sachen singen. Modernere, aber auch anspruchsvollere“, weiß Zeitler.

Die soziale Komponente und der Chor als Freizeitgestaltung spielen heute bei weitem nicht mehr die erste Rolle. „Wenn junge Menschen in den Chor kommen, dann wollen sie auch auf einem gewissen Niveau singen“, hat der Verbandsvorsitzende gelernt. „Die jungen Sänger sind leistungsbereit, wollen aber auch, dass der Chor dieser Leistung entspricht.“ Und viele dieser jungen Sänger haben erstmal auch kein Interesse an dem Repertoire, das in vielen Traditionsvereinen gepflegt wird.

Die Lösung? „Wir empfehlen unseren Vereinen, doch neben den Traditionschören Junge Chöre zu gründen“, sagt Zeitler – und Kinderchöre. Denn auch in den Kindergärten und in den Grundschulen liegt das Singen im Argen, sagt Zeitler. Was auch an der Ausbildung der Erzieherinnen und Lehrer liege. „Da spielt Musik – wenn überhaupt – nur eine Nebenrolle.“ Eine mögliche Lösung: Ehrenamtliche, die sich zum Singepaten ausbilden lassen, um dann die Erzieherinnen musikalisch zu unterstützen. Überhaupt: Die Chöre sollen in die Offensive gehen, den Spaß am Singen nach außen tragen – nicht nur zu den Kleinsten. „Denkbar wäre auch, wenn die Chöre in den Jugendhäusern Angebote machten, etwa A-cappella-Workshops“, sagt Zeitler. „Wichtig ist, dass wir mit den jungen Leuten in Kontakt kommen.“

Und mit jungen Leuten meint Zeitler vor allem junge Männer. „In unseren Vereinen fehlen vor allem Tenöre“, sagt er. Das Problem: Im Kinderbereich sind auch noch Buben mit von der Partie. Aber während viele Mädchen eine ungebrochene Chorvita haben, steigen die Buben mit dem Stimmbruch aus. „Und danach kommen sie nicht wieder.“

Die Chöre attraktiver machen: Dazu gehört auch, dass sich die Gruppen moderner präsentieren. Nicht nur im Repertoire, sondern auch schon bei ihren Konzerten. „Chöre, die bei ihren Konzerten gute Unterhaltung bieten, sich etwa ein griffiges Motto für ihre Konzerte einfallen lassen, sich ansprechend präsentieren, haben meist ein volles Haus.“ Einen ersten Schritt zur Entschlackung der Konzerte hat der Chorverband gemacht: Ehrungen für langjährige Mitgliedschaft, die früher ein fester Bestandteil der Konzerte waren, wurden vom Chorverband auf spezielle zentrale Termine gelegt. Denn: „Ehrungen sind zwar für unsere Sänger wichtig2“, sagt Zeitler, „aber prickelnd fürs Publikum sind sie nicht.“

Mit freundlicher Genehmigung von Helmut Pusch, SÜDWEST PRESSE, Kulturredaktion
Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG

Wolfgang Layer, 15. Apr 2010, Chorverband Ulm, Gaue und Verbände, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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