Bejubelt & ignoriert – das unrezensierte Leid der Laien


Impressionen von der Operngala 2011 der Chorgemeinschaft Kai Müller

Eine „Operngala“ in Stuttgarts Prachtsaal in der Liederhalle, ein prall gefüllter Saal, eine Bühne mit über 200 Sängerinnen und Sängern, international gefeierten Solisten, einem Sinfonieorchester… in Stuttgart ist das schon lange kein Grund mehr, in den großen Tageszeitungen darüber zu berichten. Denn der Chor, in dem sich die sechs Einzelchöre der Chorgemeinschaft Kai Müller alle drei Jahre treffen, um ein anspruchsvolles und populäres Programm einzustudieren, besteht aus Laien. Laiensänger – das heißt Vereinsschiene, das heißt Ehrenamt, das heißt Hobby, das gehört schon lange nicht mehr ins „ernsthafte Feuilleton“. Fast möchte man sagen: Oper ohne Blut, ohne Kettenmassaker, ohne zur Schau getragene Nacktheit ist so interessant wie die BUNTE ohne Bilder. Und doch ist es ganz anders, war es ganz anders. Deswegen berichte ich einmal nicht zu 95% über eine Inszenierung und ergänze im Schlussabschnitt die Mitwirkenden mit einem mehr oder weniger freundlichen Wertungsadjektiv. Ich schwelge auch nicht in Superlativen, wie das begeisterte Laien selbst gerne nach ihrem großen Auftritt tun. Wer mag´s ihnen übelnehmen?! Ich berichte ganz sachlich, ohne die Allmachtsgefühle eines Kritikers, in dessen Hand es liegt, ein Probenjahr von 6 Chören mit wenigen Worten vernichtend zu rezensieren.

Ist eine Operngala mit Ausschnitten aus 16 Opern überhaupt noch zeitgemäß? Ich denke, sie ist so zeitgemäß wie die Spiele der Champions League, der Europa League, der Bundesligen und Kreisligen. Manche begeistern und wühlen auf mit Toren, mit gelben und roten Karten, andere langweilen sowohl Spieler als auch Zuschauer. Die Operngala 2011 – die inzwischen sechste Operngala der Chorgemeinschaft Kai Müller – war Aufstiegskampf in der 2. Bundesliga, will sagen: spannend und auf beachtlichem Niveau. Dass die drei Solisten Petra Labitzke (Sopran), Matthias Klink (Tenor) und Wolfgang Schöne (Bass) zwischen Met, Salzburg, Berlin und Buenos Aires internationale Reputation genießen und doch zutiefst in Stuttgart verwurzelt sind, machte einen irgendwie froh. Ein Strahl(en) der Champions League im Beethovensaal, um ein letztes Mal den Fußball zu zitieren, das war Ansporn für alle Mitwirkenden – die im Orchester und die im Chor.

Wie die hochschwangere Petra Labitzke eine der schwersten Sopranarien der Opernliteratur, die Arie der Agathe aus Carl Maria von Webers „Freischütz“, mit so souveräner Stimmführung bewältigt hat, während wenige Meter vor ihr ein Zuschauer kollabierte und von Sanitätern behandelt werden musste, war in Sachen Konzentration eine Meisterleistung. Zusammen mit Matthias Klink schwelgte sie kurz vor Ende des Programms im Trinklied (Brindisi) Alfredo und Violetta aus Verdis „La Traviata“ noch einmal belcantissimo. Wolfgang Schöne durfte im deutschen Fach brillieren, sowohl stimmlich als auch spielerisch mit wenigen Andeutungen, wenn er z.B.  Lortzings „Singschule“ aus „Zar und Zimmermann“ zusammenhielt. 175 Jahre wird diese Oper im nächsten Jahr alt – genau so alt wie viele unserer Laienchöre inzwischen sind. Und wenn der Bürgermeister van Bett mit Bürgerinnen und Bürgern seiner Stadt die von ihm und dem Kantor verfasste Huldigungskantate einstudiert, dann ist das die erste Parodie eines Opernkomponisten auf die Laiensänger seiner Zeit, absolut zeitlos und authentisch. Deswegen gehört diese Szene, diese Partie, den Laienchören, und nicht den Opernchören. Der Beifall für Wolfgang Schöne und den Chor war gewaltig. Natürlich auch fürs Orchester und für Kai Müller, der mit Verve und permanenter Begeisterungsfähigkeit seine Chöre „aufmischte“.

Mehr als zwei Stunden stehen, dazwischen singen, warten, singen, und wieder warten, dabei elf Komponisten und ihren Werken gerecht werden, das ist doch eine Leistung, liebe Feuilletonisten. Das ist doch auch ein Teil unserer Kultur. Das erhält die Opernhäuser doch auch am Leben, gibt ihnen Zukunft und das dringend benötigte „Marketing“ in puncto Musikästhetik. Der da vorne am Pult steht, hat´s schwerer als sein Kollege in der Staatsoper. Er muss motivieren, muss erklären, muss einstudieren, üben und noch einmal üben, und dann muss er die Spannung, diesen Vulkan Chor mit seinen individuellen Lebensläufen und Beziehungen zur Musik, zur Stimme, zur chorischen Vereinslandschaft, kontrolliert zum Ausbruch bringen. Ist das kein Wort der Anerkennung wert?

Mit der Ouvertüre zur „Carmen“ legte Kai Müller seine musikalische Visitenkarte auf das Pult, und er schonte das Kammerorchester Concerto Tübingen nicht, das durch rund 40 Streicher und Bläser zum Sinfonieorchester erweitert war. Powermusizieren statt Kapellmeisterroutine war angesagt. „Meistersinger“, „Lohengrin“, „Fürst Igor“ … keine Musik zum Vomblattspielen. Die „Polowetzer Tänze“ aus Borodins „Fürst Igor“ sollten chorisch der Höhepunkt im ersten Teil des Konzerts werden. Das ideale Klangbild bieten für mich bei den „Polowetzer Tänzen“ stets slawische Chöre mit ihrer Fähigkeit, die „eingefügten Orientalismen“ virtuos zu phrasieren. Umso erfreulicher, wie bravourös die Frauenstimmen aus Weil der Stadt, Untertürkheim, Ditzingen, Ludwigsburg und Umgebung – also so gar nichts von wegen Tausendundeiner Nacht – die ekstatischen Rhythmen der Musik bewältigt haben. Sehr großer Beifall!

Dass Kai Müller Cileas „Lamento di Federico“ aus der Oper „Das Mädchen von Arles“ ins Programm nahm, gab Matthias Klink (noch gezeichnet von einer überstandenen Krankheit) die Möglichkeit, seine Weltklasse unter Beweis zu stellen. Man wünscht sich diesen lyrischen Tenor noch oft im Programm der Staatsoper Stuttgart, wo er zuletzt den Lenski sang.

Seinen deutschen „Opern-Dreiteiler“ beschloss Kammersänger Wolfgang Schöne nach dem „Wildschütz“ und der erwähnten Arie aus „Zar und Zimmermann“ mit einer klug reflektierenden Apotheose des Hans Sachs aus Wagners „Meistersinger von Nürnberg“. Zu hören war eine strahlende und kraftvolle Stimme, die noch mit 71 Jahren nahezu alle Facetten des gefeierten Opern-, Oratorien- und Liedsängers besitzt, gepaart mit einer beeindruckenden Persönlichkeit und Ausstrahlung.

Zuviel Musik für eine kurze Kritik. Deswegen sollen wenigstens die bisher unerwähnten Komponisten sich wiederfinden: Gounod, Donizetti, Mascagni, Verdi und Puccini. Im 19. Jahrhundert konnte man ihre Musik nur kennenlernen, wenn man sie sang. Das Konzert war das Ereignis, die Wiedergabe, die Beschäftigung mit der Musik – nicht die Konserve CD und DVD. Und selbstverständlich berichteten dann alle aktuellen Medien über solch außergewöhnliche Ereignisse bürgerlichen Engagements. Wolfgang Layer

Wolfgang Layer, 11. Aug 2011, Chorpraxis, Chorverband Johannes Kepler, gemischte Chöre, Singen und Stimme, Veranstaltungen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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