Das Wunder Wolf Biermann – das Wunder Gunnar Eriksson

Wer war der „Superstar der chor.com“?

Natürlich gibt es diese Frage und die Antworten fallen sehr unterschiedlich aus, je nachdem, welche Leute man kennt. War es Simon Halsey, die neue Lichtgestalt am Chordirigentenhimmel? War es Eric Whitacre, der smarte Chormagier aus dem Multimedialand?

Weder noch, möchte ich behaupten. Es war einer, dessen Stimme nicht laut, dessen Haare nicht gebleicht, dessen Shirt nicht von James Perse ist, sondern die letzte Wäsche gerade noch überstanden hat. Es war ein Dirigent und Komponist im Alter von 75 Jahren, gebürtig in Schweden, den alle kennen und lieben. Und der heißt Gunnar Eriksson.  Ganze Generationen von Chorleitern haben bei ihm gelernt, haben sich auf ihn berufen. Dass ihn mit Wolf Biermann eine Freundschaft verbindet, ist ein Glücksfall für die Chorwelt. Denn Biermann gehört nicht in die Arbeiterprotestecke, wie das viele glauben, nur weil er sich mit dem sog. Bauern- und Arbeiterstaat angelegt hatte. Biermann ist ein Liedermacher und Lyriker vom Format eines Bob Dylan. Seine Lieder haben nichts hinter der Hymne „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“ zu suchen. Sie sind große Lyrik im Gefolge eines Bert Brecht. Auch zahlreiche Lieder beziehen sich musikalisch durchaus auf jene fruchtbarste aller fruchtbaren Zeiten in Deutschland, über die so schnell die braunen Stiefel hinweg gezogen sind; ich spreche von Kurt Weill und Hans Eissler.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die chorische Umsetzung von Biermanns Liedern in Deutschland momentan gut aufgehoben wäre. Wer sollte den Ton finden, ohne einen vorgefassten ideologischen Ton zu oktroyieren? Gunnar Eriksson hat ihn gefunden, hat mit insistierenden Fragen in seinen Freund Biermann hineingehört, hat dann die ganze Kraft seiner lyrischen Tonsprache gebündelt in Vertonungen, die einem schon beim Studium der Partitur den Atem stocken lassen. Endlich wieder große Chansonliteratur, noch dazu deutsche, übersetzt in eine schwedische Chorsprache, welche die deutsche gut kennt und zitiert.

Wolf Biermann – Lieder für Chor. Das war der Titel des Workshops, der mir Gänsehaut und großes inneres Glück bereitet hat. Der den Menschen Biermann und die Kompositionstechniken Erikssons nähergebracht hat. Der Einblicke in ein deutsches Lebenswerk gegeben hat und Ausblicke auf die skandinavische Chorsprache. Ein herzliches Dankeschön aber auch an Anne Kohler und ihren fabelhaften Kammerchor der Hochschule für Musik Detmold, ohne den weder der Workshop, noch das umjubelte Konzert abends in der St. Reinoldikirche  möglich gewesen wären.

Wolfgang Layer

Wolfgang Layer, 25. Sep 2011, Chorfest/chor.com, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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