Älter werden und jung bleiben allein reicht nicht – Demografie im SCV

Unsere demografische Gesellschaftspyramide hat ihre Form verloren. Was vor 100 Jahren nach „Cheops“ und „Giseh“ (den berühmten ägyptischen Pyramiden) aussah,  ähnelt heute einem Pilz. Das sog. „Medianalter“ ist von 23,6 Jahren auf knapp 43 Jahre angestiegen. D.h. die Hälfte der Bevölkerung ist jünger, die andere Hälfte älter als 43 Jahre.

In unseren Chören haben wir das längst gemerkt. Von „Überalterung“ wird dort gesprochen, ein dummes Wort, weil man nicht überaltern kann. „Überaltern“ hört sich an wie „Haltbarkeit überschritten“. Wenn aber die Hälfte der Bevölkerung 43 bis 80, 90 und mehr Jahre alt ist, dann bedeutet das, dass über 41 Millionen unserer Bewohner in Deutschland unsere Hauptkunden sind. Denn das Durchschnittsalter unserer Traditionsvereine – ob Männerchor oder gemischte Chöre – bewegt sich sehr oft im 6. Lebensjahrzehnt und darüber hinaus. Doch das ist gut so! Es gibt keinen Chor, der zu alt ist. Es gibt nur zu wenig Chöre in den Chorverbänden, die jung sind.

„Die genaue Anzahl der Chöre und Sänger in Deutschland kann nur geschätzt werden, da viele Chöre keiner Organisation angehören und zum Beispiel die Schulchorarbeit nicht systematisch erfasst wird. Gesicherte Zahlen gibt es daher nur von den Chorverbänden (Deutscher Chorverband, Verband Deutscher Konzertchöre, Cäcilienverband, Verband evangelischer Kirchenchöre), die von 1.790.000 Menschen in 45.000 deutschen Chören ausgehen.“ (Quelle: Wikipedia)  Auch die genaue Zahl der in Deutschland aktiven Chorsänger ist mit 3,3 Millionen Menschen in 61.000 Chören nur eine Schätzzahl. Sie würde bedeuten, dass der Durchschnittschor 54,09 Mitglieder besitzt, was definitiv nicht der Fall ist.

Kinder- und Jugendchöre – Stadt und Land
Baden-Württemberg hat nach Hamburg das zweitjüngste Durchschnittsalter der Bevölkerung in Deutschland. Bei den Geburtenziffern ist das „Ländle“ gerade mal Durchschnitt im Konzert der Bundesländer. Auch bei uns kommen zu wenig Kinder auf die Welt. Nicht die zu vielen „Alten“ sind das Problem, sondern die zu wenigen „Jungen“. Deutschland ist mit 82,4 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Europas (ohne Rußland), beim Bevölkerungswachstum hingegen liegt es seit Jahren im unteren Mittelfeld.

Die Deutsche Chorjugend hat die Entwicklung vor 3 Jahren in einer Fachtagung unter dem Titel „Ihr Kinderchor – Future 2030“ thematisiert. Den Statistiken war klar zu entnehmen: Der Deutsche Chorverband hat seit 1985 eine deutliche Zunahme der Kinder- und Jugendchöre zu verzeichnen, gleichzeitig aber eine Abnahme der Zahl der Kinder und Jugendlichen in den letzten 5 Jahren. Auffallend ist der Unterschied zwischen eher kleinstädtisch geprägten und großstädtisch geprägten Bundesländern. Erstere weisen deutliche Zuwächse bei den Kinder- und Jugendchören auf (Badischer Chorverband, Schwäbischer Chorverband, Hessischer Chorverband). Weit vorn an der Spitze steht nach wie vor die Kinder- und Jugendchorarbeit des Schwäbischen Chorverbands. In großstädtisch geprägten Bundesländern (NRW, Hamburg, Berlin) stagnierte der Kinder- und Jugendchorbereich oder ging zurück.

Die richtigen Folgerungen ziehen
Keine Frage: „Jammern und Klagen, Sorgen und Zagen“ haben noch nie weitergeholfen. Auch nicht das deutsche Feuilleton, das vor ca. 7 Jahren die Vokalmisere in Deutschland entdeckte und mit Wortspielen vom „Verstummen und Verdummen“ seine nicht singende Kundschaft bediente. Entscheidend ist, dass man den „demografischen Pilz“ akzeptiert und die richtigen Folgerungen daraus zieht. Falsch wäre, es sich ausschließlich darauf zu konzentrieren, wo (oft viel zu spät) Defizite entdeckt werden. Jugendarbeit braucht als solides Fundament einen funktionierenden Verein bzw. Förderkreis.

Aus den jungen Sängerinnen und Sängern der Nachkriegszeit sind mehrfach geehrte Senioren geworden. Langjährige Sängerinnen und Sänger mit vielen Erfahrungen, aber auch mit den finanziellen Möglichkeiten und vereinsmäßigen Strukturen, die der singenden Jugend helfen können. Die gilt es zu nutzen. Die singende Jugend heute bewegt sich in einem komplett anderen Umfeld wie dem ihrer Großeltern vor 50 Jahren und mehr. Die mediale Landschaft heute unterscheidet sich von der in den 50er und 60er Jahren wie der Motorraum eines PKW damals und heute.

In den kommenden Jahren wird die Bevölkerung nicht nur älter, sie wird zugleich schrumpfen. Die Statistiken belegen, dass der „Kuchen“ jedes Jahr ein bisschen kleiner wird, deswegen die Stückchen immer früher abgeschnitten werden, um nicht leer auszugehen. Immer größer wird hingegen die Zahl derer, die sich bedienen wollen: zahllose Sportarten und andere Hobbies, vor allem aber die Konsumindustrie. Die Prägung beginnt im Baby- und Kleinkindalter, nicht erst in der Schule. Wenn das Singen im Kindergarten und in der Grundschule kein Thema geworden ist, wird es danach nur noch selten Bedeutung erlangen für Jugendliche. Um so wichtiger ist es, seine Nachwuchsarbeit von Anfang an auf die richtigen Beine zu stellen, um keine Enttäuschung und keinen Schiffbruch zu erleiden.

  1. Jugendarbeit ist weder Betreuung durch Erwachsene, noch Erziehung. Sie ist eigenständig und benötigt ein umfassendes alters- und fachspezifisches Knowhow. Ein Jugendleiter ist für seinen Bereich so wichtig wie der Vorstand für den Verein, und für den Erfolg der Kinder- und Jugendchöre so wichtig wie Kinder- und Jugendchorleiter.
  2. Die Zeit der Einzelkämpfer gehört der Vergangenheit an. Musikalische Kooperationen und soziale Netzwerke bestimmen das Bild der Gegenwart. Es ist höchste Zeit für Chorverbände, sich in diesen Netzwerken zu etablieren. Jugendliche, die sich nicht kennen, kennen sich heute besser, als Jugendliche, die sich seit Jahren kennen. Die mediale Mitteilsamkeit in Netzwerken wie Facebook ist größer als die im persönlichen Gespräch. Deswegen ist die Gründung von Chorverbänden im Netz nur noch eine Frage der Zeit. Wer hier die Nase vorn hat, hat die Zukunft bei Jugendlichen.
  3. Senioren in Vereinen sind keine Pflege- und Betreuungsfälle. Arthrose im Knie oder ein neues Hüftgelenk sind keine Stimmbandschäden. Die einen sind so krumm, wie sie die Zivilisation gemacht hat, die anderen so fit, wie sie sich gehalten haben. Alle zusammen sind für das Singen und das Chorwesen in Deutschland so wichtig wie der Siegerchor beim Deutschen Chorwettbewerb. Wir müssen weg vom Rankingdenken, weder musikalisch noch altersspezifisch. Die Stimme ist das Ereignis, die zarte Kinderstimme, die helle Jugendstimme, die kräftige Stimme im besten Alter, die von jahrzehntelanger Singfreudigkeit geprägte Stimme im Alter.
  4. Wir brauchen Chorleiter, Stimmbildner, Jugendleiter und Vereinsverantwortliche auf allen Gebieten. Wer die Ausbilder hat, die Trainer, die Chor- und Stimmcoaches, dem gehört der Erfolg. Das ist im Chor nicht anders als im Sport.
    – Jugendleiterausbildung
    – Musiklotsenausbildung
    – Chormentorenausbildung
    – Chorleiter- und Jugendchorleiterausbildung
    – GCA und Vizechorleiterausbildung
    – Hugo-Herrmann-Seminar

Diese pädagogischen Maßnahmen sind unverzichtbar und gehören zu den wichtigsten Aufgaben der des Schwäbischen Chorverbands und seiner Gaue/Chorverbände.

Die richtigen Maßnahmen ergreifen
Der Schwäbische Chorverband hat im vergangenen Jahr für Kinder- und Jugendförderung, für Maßnahmen der Qualifizierung und der Fortbildung aus Mitteln des Landes Baden-Württemberg und aus eigenen Mitteln mehr Geld ausbezahlt als je zuvor. Dazu gehörten:

  • besondere Chorleiterförderung für Vereine mit Kinder- und Jugendchören € 47.080,00
  • Konzerte, Anschaffungen von Instrumenten und Noten € 18.410,00
  • besondere Projektförderungen in Vereinen und Gauen € 2.890,00
  • neu gegründete Kinder- und Jugendchöre Gründungsförderungen von € 3.600,00
  • Kinder- und Jugendchortreffen/-schulungen auf Verbands/Gauebene € 10.220,00
  • Kooperation Schule-Verein € 27.950,00

Das ist mehr Geld als der Gesamtetat vieler Landeschorverbände in Deutschland umfasst. Doch ein Verband kann nicht die Arbeit der Vereine ersetzen. Er kann sie nur unterstützen. Dabei geht es nicht nur um finanzielle Unterstützung. Nicht weniger wichtig sind ein funktionierendes Informationsnetzwerk und die Lobbyarbeit. Information ist leicht zu beschaffen heute. Genau das macht sie aber unübersichtlich. Was ist wirklich wichtig? Wer hilft uns wie, womit? Wer keine Fragen hat, hat oft keine Visionen, keine Pläne. Wir formulieren Ihre Pläne für eine erfolgreiche Zukunft in 10 Punkten:

  1. Balance halten – Neues planen, Altes nicht vernachlässigen
  2. Informieren, möglichst viele Mitstreiter suchen, Einverständnis erzielen, gemeinsam angehen.
  3. Ein kleiner Erfolg ist besser als ein großer Misserfolg – sich nicht übernehmen
  4. Ganz unten einsteigen – Kindergarten und Mutter-Kind-Singen
  5. Kooperieren, wo immer möglich  – mit Kindergärten, Schulen, anderen Vereinen, Institutionen…
  6. Hilfe vom Gau/Chorverband/SCV anfordern – Fortbildungen nutzen
  7. Nicht zerreden, handeln – ewige Diskussionen machen müde
  8. Die Öffentlichkeit an den Erfolgen beteiligen – Öffentlichkeitsarbeit schärft das Vereinsprofil
  9. Jedes Mosaiksteinchen ist Teil vom großen Ganzen – je mehr Abteilungen ein Verein hat, desto wichtiger sind die gemeinsamen Konzerte
  10. Erfolg macht süchtig – eine Sucht, die nicht krank macht und keine Vergnügungssteuer kostet

Wolfgang Layer

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