Schluss mit dabadap oder – Originär ist anders

 

 

 

 

 

 

 

 

Komponist Paul Engel im Gespräch mit SINGEN

 

Ketzerische Überlegungen zur „Vocussionitis“ und ein Interview von Wolfgang Layer.

Bin ich spießig? Bin ich Purist geworden? Hab ich den Anschluss verloren? Seit Monaten drücke ich mich davor, Georg Friedrich Händels Halleluja zu redigieren. Natürlich nicht das Original, sondern Bernhard Hofmanns Fassung in der renommierten A-Cappella-Reihe des Bosse Verlags.

Lehrstunde für Georg Friedrich?
„Dang dang tsch gang g dah dab“ – Fehlt seinem „Halleluja“ der Groove: „Dab dab dah dab“. Ist „Hal-le-lu-ja“ nicht Vocussion genug? „Ha ss p t pow“ – Ich zitiere die Presse-Information des Verlags: „Das sechsstimmige Arrangement von Händels Halleluja ist von Bernhard Hofmann aufwändig und sehr wirkungsvoll angelegt. Mit zahlreichen groovigen Wendungen durchzogen lässt es nie das beliebte Thema zu kurz kommen, gibt aber den Chören genügend Raum für eigene Interpretationen.“

Ich habe nicht vor, dieses Arrangement zu verreißen. Es hat raffinierte harmonische und rhythmische Wendungen, die man nicht erwartet, die Spaß machen. Aber mal ganz anders gefragt, verehrter Herr, verehrte Frau Chorleiter(in) eines Jungen Chores:

– Kennt Ihr Chor schon das Original?
– Wie lange schätzen Sie, dass Sie zur Einstudierung des Arrangements brauchen?
– Kommt das Stück danach ins Repertoire? Werden Sie´s an Weihnachten singen, an Ostern?
– Was hat Ihr Chor bei der Einstudierung chorisch dazu gelernt?
– Wollen Sie jetzt das Original noch „nachschieben“?

Egal, wie Ihre Antworten aussehen, der Etikettenschwindel bleibt. Dies ist nicht das „Halleluja aus Händels Messias“, wie auf der Titelseite zu lesen ist. Nennen Sie es eine Studie, eine Paraphrase, eine Fantasie über…  Händel war auch Unternehmer, Geschäftsmann, musikalischer Optimierer. Sein „discobarockes Kompositionsmodell“ ist äußerst ökonomisch. Nicht nur im „Halleluja“ arbeitete er mit Pattern, mit modularen Bausteinen. Da bedarf es keiner vocussion-Ergänzungen, um Groove zu produzieren. Händels Groove muss nur gesungen werden. Bei der vorliegenden Bearbeitung handelt es sich um ein Arrangement mit sehr hohen Anforderungen. Wer auf diesem Level singt, der könnte genauso gut originäre Chormusik singen.

Vocussion contra vocal
Vocussive Stimmeinsätze bis hin zum dreistimmigen Beatboxing (http://www.youtube.com/watch?v=22fy9-EtlGM) haben die Popularmusik des zurückliegenden Jahrzehnts geprägt. Man fühlte sich in die Zeiten zurückversetzt, in denen sich das Schlagzeug im Jazz emanzipiert hat. Alles war plötzlich Rhythmus und eine junge Generation besetzte das Terrain, das die Chorverbände unbeackert ließen. Nicht alle risikobereiten Chöre konnten den neuen Stoff adäquat wiedergeben. Ein großer Teil der Arrangements war ohne Mikrophone gar nicht singbar. Und wo die „dabadaps“ chorisch 1:1 umgesetzt wurden – ohne das nötige Stimmtraining – kam eher Heiterkeit auf als Groove.

Wo bleibt die Stimme?
Wenn ein Junger Chor fünf Jahre lang vorzugsweise Arrangements singt, deren Schwerpunkt in der vocussiven Ausgestaltung liegen, kommt die Stimmbildung für den mit Abstand größten Teil der abendländischen Chorliteratur zu kurz. Schon ein einfacher Choral bereitet dann Schwierigkeiten. Was also lernt der Chor bei der Einstudierung eines Arrangements wie dem „Halleluja“ chorisch dazu? „Chorisch“ bezieht sich immer auf den Chorklang.

Wo bleibt die Originalmusik?
Ein Sänger sprach mich vor einiger Zeit darauf an, dass er nicht wisse warum, aber dass er immer wieder erlebe, dass originäre Chormusik (er hatte ein Stück von Arvo Pärt gehört) einen ganz anderen Chorklang entfalte als die meisten Arrangements, die er kenne, obwohl die doch sehr auf Klang und auf Effekte hin arrangiert seien. Wir fragen den Komponisten Paul Engel: Warum ist das so?

Paul Engel: Es ist die Versuchung, an schnelle Anerkennung, an schnelles Geld zu kommen, die den Komponisten oder Arrangeur eines Chorwerks nicht selten daran hindert, authentisch zu sein – echte Veranlagung für Musik vorausgesetzt. Der Intellekt kann vieles, er kann vor allem kaschieren, doch wir erleben Musik nicht mit dem Verstand, sondern mit dem, was man als das „Herz“ bezeichnet, dem Fühlen der Klangenergie, die uns unmittelbar und unbarmherzig spüren und erkennen lässt, „was da läuft auf der Bühne“. Entweder der Komponist, der Arrangeur hat von innen heraus das Wissen um Klangsäulen – vertikal wie horizontal – , oder er hat es nicht. Man kann das nicht und nirgendwo unterrichten.

SINGEN: Viele Arrangements der Popularmusik waren und sind immer noch beschäftigt mit sog. Vocussions, also percussiven Klängen für Stimmen. War das für Sie je ein Thema und wenn, in welcher Form?

Paul Engel: Heute wollte ich Weihnachts- und Neujahrsgrußkarten kaufen. Beim Suchen nach mich ansprechenden Karten wurde mir bewusst, wie sehr wir Europäer uns dem Amerikanischen X-mas angepasst haben. Wir haben, zumal seit 1989, nach und nach unsere Authentizität preisgegeben. Die Popularmusik der Gegenwart treibt diese Tendenz in einschlägigen TV-Shows auf die Spitze. ARD und ZDF als öffentlich rechtliche Anstalten zum Beispiel hätten den Auftrag, sich um das unbekannte, kreative Element der Regionen Europas zu kümmern und nicht in immer zunehmendem Maße den mainstream mit Trivialmusik und “Leichen, Leichen nichts als Leichen“ abzudecken. Musikalisch kommt dort inzwischen alles, aber auch alles aus der Konserve. Afro-Amerikanische Chormusik zum Beispiel funktioniert mit afro-amerikanischen Sängerinnen und Sängern. Wenn wir Europäer versuchen, diese Art des Singens und der Musik zu imitieren – aus welchen Gründen auch immer – , versäumen wir zu beachten, dass die Physiognomie der Stimmbänder wie auch die grundsätzlich verschiedene Emotionalität, die sich über die Körpersprache vermittelt, den Klang und die Ästhetik bestimmt – bis hin zu Satztechnik und Rhythmus. Hinzu kommt, dass es den Arrangeuren immer mehr an echtem Interesse für Satztechnik fehlt, vielleicht fehlt auch die Zeit. Die Frage von Tonalität oder Atonalität, vom Aufbau der Akkordsysteme zwischen dem tiefsten und dem höchsten Ton spielt indessen unvermindert eine enorme Rolle – und das kann sich naturgemäß nicht ändern auf diesem unserem Planeten – bei allem Respekt vor Innovation. Dis Psyche ist der Maßstab, sie kann nicht verbogen werden…

SINGEN: „Chorklang“ ist etwas anderes als der Klang, den jeder Chor „abstrahlt“. Bedeutende Chorkomponisten haben ihren eigenen, ganz persönlichen Chorklang entwickelt: Bach, Schumann, Brahms, Schönberg, Krenek. Was ist Chorklang für Sie? Worauf muss ein Komponist achten?

Paul Engel: Chorklang ist etwas Spezifisches und sehr Individuelles. Vieles hängt vom Stimmen-Potential ab und inwieweit natürliche Lernfähigkeit vorhanden ist – unabhängig vom Wollen des einzelnen Chormitglieds. Danach entscheidet die ästhetische Ausrichtung des Chorleiters über den Klang und sein Partiturverständnis. Weiterhin ist von Bedeutung, welche Voraussetzung das innere Ohr jedes einzelnen Chormitglieds mitbringt, um sich hinein fallen lassen zu können in die Monade – also das vertikale Gesamtereignis einer Klangsäule, was umso schwieriger wird, je mehr die latent mitschwingenden Obertöne im Satz der Komposition gebrochen werden. Für Chorwerke der Dodekaphonie (Zwölftontechnik) braucht es Sängerinnen und Sänger mit absolutem Gehör und dem Mut, „körperlich“ einzutauchen in den Schmerz der Dissonanz. Vollkommen intonierte dodekaphonische Akkorde können ihre Wirkung durchaus erzielen, sie bleiben indessen in einem Schmerzbereich, den es wahrzunehmen und darzustellen gilt.

Strawinsky’s archaische „Psalmensymphonie“ z.B. oder sein szenisches Oratorium „Oedipus Rex“ bleiben innerhalb einer harmonikalen Klangwelt. Die herbe Einzigartigkeit dieser beiden Kompositionen besteht in ungewöhnlichen tonalen Intervallen und Wendungen. Bachs Chorwerke bewegen sich in einer voll entwickelten Dur-Moll-Tonalität, in der alle psychischen Empfindungsmöglichkeiten von Freude bis hin zu tiefster Trauer zum Ausdruck kommen. Es gibt bei Bach meines Wissens keine Stelle – nicht einmal in den Solowerken wie den Cello-Suiten – , in der ein dem Akkord zur Vollständigkeit verhelfender Ton fehlt. Immer ist der Grundton, die Terz, die Quint u.s.w. in allen Umkehrungsvarianten vorhanden. Das erzeugt ein Höchstmaß an Klang-Sättigung. Im zwanzigsten Jahrhundert begann man, entweder auszusparen oder mit Zwölfton- bzw. Clustertechnik aufzufüllen. Wo aber naturgegeben kein Platz mehr ist, führt Überfütterung zu Kolik oder Infarkt, Unterfütterung zu Hunger.

Gute Musik schafft immer einen Ausgleich der Klangenergie. Einem kargen Abschnitt sollte einer der Fülle folgen und umgekehrt, doch bleibt das wichtigste die Geschichte, die in Tönen erzählt wird – jenseits aller musik-theoretischer Überlegungen. Der Mensch hört Musik im Grunde „mono“ – in sich selbst. Drinnen im Innern „stereo“ zu hören, bedeutet, abzuschweifen vom Hier und Jetzt und dem Intellekt mehr zu vertrauen als der Seele. Es gibt Komponisten, die mit ihrem Werk mehr dem letzteren Aspekt dienen und solche, denen der “Nährwert“ im Augenblick des Klanggeschehens wichtig ist – das sind jedoch zumeist noch unbewusst ablaufende Vorgänge. Autor: Wolfgang Layer

Der Komponist Paul Engel

1949 geboren in Reutte/Tirol als jüngstes Mitglied der Musikerfamilie, die als “Engel-Familie“ von 1948 bis 1978 durch Konzertreisen Weltruf erlangte (www.engelfamilie.com).
Theorie-, Klavier-, Violin-, Flöten- und Dirigierunterricht privat sowie am Konservatorium Innsbruck. Studium an der Staatlichen Hochschule für Musik in München. Komposition bei Günter Bialas und Wilhelm Killmayer. Dirigieren bei Jan Koetsier, Fritz Schieri und Wolfgang Winkler. Klavier bei Rosl Schmid und Volker Banfield.

Instrumentalist in verschiedenen Ensembles Alter und Neuer Musik. Lehrer an der Jugendmusikschule Starnberg. Lehrauftrag an der Musikhochschule München für Musiktheorie, Analyse, Gehörbildung, Kammermusik. Tätigkeit als Dirigent in Deutschland, Österreich und Übersee. Seit 1987 freischaffend als Komponist und Dirigent.

Zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Zusammenarbeit mit bedeutenden nationalen und internationalen Orchestern und Chören als Dirigent. Viele Auftragskompositionen. Siehe www.paulengel.de

Wolfgang Layer, 6. Jan 2012, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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