Bald wieder „Musik“ in der Grundschule?

SINGEN-Interview mit LMV-Präsident Dr. Menz

Das Bundesland, das sich das Musikland Nr. 1 in Deutschland nennt, hat den Musikunterricht und damit das Singen seit Jahren aus der Grundschule verbannt. Viele haben das vehement kritisiert, am nachhaltigsten der Schwäbische Chorverband und Landesmusikverband (LMV), der die Interessen aller musizierenden Laien in Baden-Württemberg vertritt. Singen sprach mit dem Präsidenten des LMV, Dr. Lorenz Menz

SINGEN: Herr Dr. Menz, als Präsident des LMV und nicht zuletzt als Ehrenpräsident des Schwäbischen Chorverbands, haben Sie es sich schon sehr früh zu Ihrer Aufgabe gemacht, diese Situation wieder zu ändern, und Sie stehen kurz vor einem Erfolg. Sie verhandeln inzwischen mit dem bzw. der dritten oder sogar vierten Ministerin im Ministerium für Kultus, Jugend und Sport. Wie sehen die jüngsten Signale aus?

Dr. Menz: Wir sind – meine ich – noch nicht am Ziel angekommen, so dass zum Jubeln noch kein Anlass besteht. Aber es ist ein Erfolg, dass wir mit unseren Forderungen gehört und ernst genommen werden. Es ist erfreulich und ein Erfolg, dass das Kultusministerium offenbar bereit ist, den Fächerverbund MENUK (Mensch, Natur, Umwelt und Kultur) kritisch zu hinterfragen, es ist ein Fortschritt, dass auch eingeräumt wird, dass die musikalische Grundbildung mit ein unverzichtbarer Bestandteil ist für eine ausgewogene Persönlichkeitsentwicklung. Die positiven Erfahrungen mit dem Programm „Singen-Bewegen-Sprechen“ bestätigen dies und werden auch vom Kultusministerium anerkannt. Jetzt kommt es darauf an, dass wir aus diesen richtigen Einsichten auch die richtigen Folgerungen ziehen. Es sind ganz konkrete Folgen für die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher, es sind Folgen und Konsequenzen für den Bildungsplan in der Grundschule und für die Lehrerbildung. Die Signale sind insgesamt verständnisvoll, aber auch hier gilt, nur die Taten zählen, und darauf warten wir.

SINGEN: Was helfen 5 Stunden Musikunterricht, wenn es die Musiklehrer dafür nicht gibt. Und die fehlen seit langem an den Grundschulen. Ich erinnere mich an das erste Symposium des Landesmusikverbands in der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, als Sie zum ersten Mal diese Misere ins Zentrum der Diskussion rückten. Sind hier Änderungen absehbar? Oder Kooperationen mit Musikschulen wie in anderen Bundesländern?

Dr. Menz: Es ist völlig richtig, die Veränderung der Schulwirklichkeit kann nur über eine Veränderung der Lehrerbildung und der Lehrerfort- und -weiterbildung erreicht werden. Unsere Forderung nach einer musikalischen Grundbildung aller Grundschullehrer ist angekommen, aber ich muss offen sagen, die Umsetzung in die Wirklichkeit unserer Lehrerbildung hat noch nicht stattgefunden. Wir müssen also hier am Ball bleiben. Es muss am Ende so sein, dass jeder Lehrer in der Lage und motiviert ist, grundlegende Erfahrungen in der musikalischen Bildung zu vermitteln, um die jungen Menschen begeistern zu können und selber hinter diesem wichtigen Element der Bildung zu stehen.

SINGEN:  Wie sehen Sie die Rolle der Laienmusik in diesem Zusammenhang, nicht zuletzt im Hinblick auf die Ganztagsschule, die den Nachmittag der Kinder verwaltet und nur ansatzweise gestaltet?

Dr. Menz: Richtig ist, dass die Entwicklung zur Ganztagesschule die Rahmenbedingungen der Vereinsarbeit nachhaltig und dauerhaft verändert. Ich glaube, dass viele Vereine diese Entwicklung noch gar nicht voll realisiert haben. Es ist eine Tatsache, über die kann man unterschiedlicher Meinung sein, aber sie ist nicht mehr veränderbar, sie ist ein bundesweiter Trend. Vor diesem Hintergrund müssen unsere Vereine – gleich ob vokal oder instrumental – eine engere Zusammenarbeit mit den Schulen finden. Das ist für mich im Grunde der Schlüssel, um überhaupt den Kontakt mit den jungen Menschen zu behalten. Wir müssen den Fuß in der Türe zur Schule drin haben. Das ist natürlich leichter gesagt als getan, das weiß ich auch. Aber – noch einmal – die Kooperationen mit den Schulen sind der Schlüssel, um überhaupt den Kontakt mit der jungen Generation zu behalten.

Was unsere Vereine hier an Bildungsangeboten zu bieten haben, ist ja nicht wenig, es ist neben der Erfahrung auch eine große Kompetenz im musikalischen Bereich da, aber – das ist die Schwierigkeit – niemand kann es den Vereinen abnehmen, dass sie selber auf die Schulen zugehen, dass sie selber Angebote formulieren. Es ist ein Prozess, der nicht von oben her erzwungen werden kann, sondern tatsächlich darauf beruht, dass sich vor Ort Vereine und Schulen in eine Kooperation hinein begeben. Das wird meiner Einschätzung nach den Schulalltag bereichern.

Unsere Gespräche mit der Regierung haben gezeigt, dass eine gewisse Aufgeschlossenheit und auch eine Einladung zu dieser Kooperation da sind, aber – das gilt auch für den Sport – die Modalitäten müssen vor Ort nach den jeweiligen Möglichkeiten abgesprochen werden. Das ist auf der einen Seite eine Hürde, aber auf der anderen Seite auch eine Chance, dass man eben sehr passgenaue Lösungen findet. Ich meine, dort wo ein Verein überfordert ist, müssen wir uns auch mehr als bisher die Kooperation mit anderen Vereinen überlegen. Es kann durchaus sein, dass ein Verein eben nicht ein Komplettangebot musikalischer Bildung im Rahmen der Ganztagesschule machen kann, aber wenn er diese Aufgabe sich teilt mit einem anderen Verein, dann kann es unter Umständen zu einer ganz attraktiven Geschichte werden. Am Ende entscheidet die Schule, ob sie ein solches Angebot annimmt. Unser Interesse muss es sein, dieses Angebot möglichst attraktiv zu gestalten. Ich glaube, dass das Stichwort „Kooperation“ überhaupt die einzige Lösung aus dieser Situation ist: Kooperation zwischen den Vereinen. Deswegen haben wir auch den Landesmusikverband gegründet, weil nur im Schulterschluss unter den Vereinen wir etwas erreichen und – Kooperation mit der Schule. Das sind meine Vorstellungen. Wir können nicht erwarten, dass uns diese Aufgabe von der Regierung abgenommen wird, wir müssen selber aktiv werden.

Wir sind nicht alleine die Anbieter. Im musikalischen Bereich sind es viele andere, die Musikschulen und Kirchen z.B.  Es gibt außerdem andere Vereine, die in den selben Freiraum drängen. Nehmen Sie den Sport. Wir müssen unser Angebot formulieren, was wir bieten können, damit wir auch die Zustimmung von Seiten der Eltern bekommen. Die Eltern müssen überzeugt werden, dass musikalische Grundbildung nicht eine völlig beliebe Sache ist, sondern ein unverzichtbarer Bestandteil für die ausgewogene Entwicklung eines jungen Menschen.

SINGEN: Gibt es – oder optional formuliert – gäbe es ein Mittel, um die Schulpolitik über alle Bundesländergrenzen und alle parteipolitischen Grenzen hinweg langfristiger und nachhaltiger zu gestalten? Oder geht so etwas in Richtung Quadratur des Kreises? Die Frage geht gleichzeitig an den LMV-Präsidenten und den ehemaligen Staatssekretär mit großer langjähriger politischer Erfahrung.

Dr. Menz: Es ist eine spannende Frage. Bildungspolitik ist Herzstück unseres Föderalismus. Ich sehe die Verantwortung der Länder für diesen wichtigen Bereich nach wie vor aber sehr positiv. Sicher brauchen wir überregionale Abstimmungen über Abschlüsse, über Inhalte und Berechtigungen, vor allem in einer Zeit der Mobilität, in der der Wechsel von einem zum anderen Land immer mehr die Normalität wird. Aber der Wettbewerb zwischen den Ländern ist eben auch ein ganz hohes Gut, weil dieser Wettbewerb Vielfalt ermöglicht.

Er fördert die Konkurrenz um die besten Lösungen, und das hat sich seit Jahrzehnten bewährt. Ich hoffe, dass das Land Baden-Württemberg auch in dieser Konkurrenz sich weiterhin darum bemüht, Musikland Nr. 1 zu werden.

Eine überregionale Bündelung der Kompetenzen in diesem Schulbereich darf nie zu einer Nivellierung führen, es muss immer die Konkurrenz um die besten Lösungen geben, nur so verhindern wir Mittelmaß und gerade auch in der musikalischen Bildung ist – glaube ich – Mittelmaß besonders schädlich. Hier ist der Anspruch, zu den Führungsländern zu gehören, meines Erachtens ganz wichtig. Dahinter steht ein Menschenbild, das langfristig davon ausgeht, dass wir diesen wichtigen Sektor der Kultur nicht einfach abbrechen lassen, sondern – angefangen vom Kindergarten –  hier die Grundlagen legen müssen. Mit anderen Worten, ich bin eigentlich ein glühender Verfechter der Länderverantwortung in diesem Bereich und hoffe nur, dass auch unser Land diese Chance, die wir haben, wahrnimmt und sich zu diesen wichtigen Werten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten ja bewährt haben, bekennt und die entsprechenden Konsequenzen für die Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher, für die Lehrerbildung, für den Bildungsplan in der Grundschule zieht. Das ist unsere Hoffnung, das ist auch unsere Forderung an die Regierung, die ich habe aus unseren Gesprächen, die Hoffnung, dass wir hier nicht gegen die Wand reden, sondern dass wir gehört werden und sicher auch die Entwicklung zum Positiven bewirken können.

Das Gespräch für SINGEN führte Wolfgang Layer

Wolfgang Layer, 24. Feb 2012, Aus der Geschäftsstelle, Chorpraxis, Nachwuchsarbeit / Werbung, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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