Wirkliche Perfektion bleibt Wunschdenken

Achim Jäckel war Teilnehmer beim Intensivkurs Chorleitung mit Robert Göstl

Im Rahmen des Vokalfestes CHOR@BERLIN bot der Deutsche Chorverband einen Intensivkurs Chorleitung  mit Robert Göstl  an, bei dem Dirigenten und Dirigentinnen die Gelegenheit hatten, ausgewählte A-cappella-Chorwerke einzustudieren. Zielgruppe waren fortgeschrittene Musikstudierende mit Schwerpunkt Chorleitung,  Kantoren und Kantorinnen, aktive Chorleiter und Chorleiterinnen. Wir sprachen mit Achim Jäckel (AJ), Mitglied des SWR Vokalensembles Stuttgart, selbst Chorleiter beim conTakt Chor Deufringen und einer der ausgewählten Teilnehmer.

SINGEN: Achim Jäckel, weit über 100 hatten sich angemeldet, welche Kriterien waren entscheidend, um zu den erwählten 8 zu gehören?

AJ: Wenn die Zahl 100 so stimmt, bin ich natürlich glücklich und auch ein wenig stolz, einer der zuletzt noch 6 aktiven Teilnehmer gewesen zu sein, die mit Prof. Göstl und dem Deutschen Jugend Kammerchor haben arbeiten und – am Schluss des Kurses –  konzertieren  dürfen. Bewerben musste man sich mit seinem Lebenslauf und mit aussagekräftigen Referenzen. Vielleicht war es die frühzeitige Abgabe meiner Unterlagen, vielleicht war aber auch mein musikalischer Hintergrund mit Knabenchor (Wuppertaler Kurrende), Gesangsstudium, 30 Jahre Rundfunkchor, Stimmbildner bei den Hymnus-Chorknaben ausschlaggebend. Die Auswahl traf jedenfalls Prof. Göstl , der seinen Werdegang ebenfalls in einem Knabenchor begann , nämlich bei den Regensburger Domspatzen.

SINGEN: Konnte man auch als wirklich erfahrener Profi, der mit den bedeutendsten Chorleitern zusammengearbeitet hat, noch etwas Neues erfahren?

AJ: Sicher konnte ich mir von den Kurrende-Leitern  „handwerkliche“  Dinge zu Eigen machen. Auch später im Beruf mit den großen  Dirigenten wie Maazel, Sinopoli, Gardiner, Abbado, um nur einige zu nennen, habe ich mir viele gute Dinge abschauen können. Wenn man sich beim Singen wohl fühlt, hat es sicher auch etwas mit dem Dirigenten zu tun. Da haben wir natürlich mit Marcus Creed als Chef des SWR-Vokalensembles  einen Leiter erster Güte. Bei seiner Arbeit fühlt man sich „getragen“. Er hat immer ein wachsames Auge und ein gutes Gehör. Seine „Bewegungen“ der Hände sind immer ganz klar und eindeutig. Das wollte ich auch können und erhoffte mir ein paar wegweisende Impulse für diese Art des Dirigierens zu bekommen. Das „Neue“  beim Kurs in Berlin war für mich das Beseitigen von zu viel Körpereinsatz unter Bewahrung der eigenen Persönlichkeit im Dirigat.

SINGEN: Bleiben wir mal in der Kunstkategorie, obwohl die sog. chorische Gebrauchsmusik nicht viel anders tickt. Lassen wir auch den Zeitfaktor weg, denn es fehlen fast immer 3 – 5 zusätzliche Proben, wenn ein Chor auf die Bühne geht. Lassen wir auch Alter und Stimmqualität der Sängerinnen und Sänger außer Acht. Uns interessiert nur der Chorleiter. Was kann er, was muss er anders, besser, intensiver machen?

AJ: Ein Rezept für „Alle“ gibt es da, glaube ich, nicht. Wenn sich Chor und Chorleiter gefunden haben beginnt die gemeinsame Arbeit. Der Chorleiter muss auch gegen die Befindlichkeiten seiner SängerInnen den Chorklang bilden: Zu laute Stimmen zurückrudern, zu leise – aktivieren, zu tief Singende mit richtigem Vokalsitz und Körperspannung auf „tune“ bringen. Zu hohe Stimmen zur Entspannung bzw. richtiger „Spannung“  führen. Ausbalancieren der Stimmen zu einem guten Gesamtklang finde ich wichtig, Arbeit an der Intonation , das Hören aufeinander trainieren , auch mal Intervalle und rhythmische Pattern  in die Chorstunde mit einfließen lassen.  Nie müde werden, den Chor immer weiter nach vorne bringen zu wollen. Die Qualitäten erkennen und versuchen sie ständig zu erweitern. Auch durch neue (fremdsprachige, jugendbetonte)Literatur. Wer sich da gegen wehrt, manövriert sich leider früher oder später selbst aufs „Abstellgleis“.

SINGEN: Wie würden Sie Robert Göstl einordnen, mehr Pädagoge oder mehr Künstler?

AJ: Prof. Göstl habe ich bei diesem Kurs als wirklichen Pädagogen kennen und schätzen gelernt. Erst hat er den „Schülern“, also uns, gesagt, was er gut fand am Dirigat, und dann kamen die Dinge zur Sprache, die man noch verbessern sollte: hier könnten Sie noch dies machen –  hier noch jenes. Versuchen Sie mal dies, versuchen Sie mal das. Gespannt bin ich auf seine CD mit dem Deutschen -Jugend-Kammerchor. Sie ist jetzt im Handel erhältlich und wird bestimmt auch seine künstlerische „Ader“ aufzeigen.

SINGEN: Sie mussten ja auch ohne Chor dirigieren, nur von einem Korrepetitor begleitet. Da kann man sich schlagtechnisch nun gar nicht mehr verstecken. Wäre das auch etwas für eine chorische Fortbildung im Schwäbischen Chorverband?

AJ: Wenn man diesen Punkt als Teilaspekt versteht, schon. Der Kursleiter erhält einen ersten Eindruck und könnte, wie auch in Berlin geschehen, erste Hilfestellungen geben. Das Arbeiten mit einem Chor sollte dann aber im Anschluss unbedingt auch noch erfolgen. Hier würde sich dann zeigen, ob das „trockene“  Dirigat auch wirklich umsetzbar ist und Reaktionen seitens des Chores freisetzt.

SINGEN: Die letzten 10% bis zur perfekten Aufführung eines Chorwerks, die meistens fehlen – woran liegt´s?

AJ: Wirkliche Perfektion bleibt in meinen Augen Wunschdenken. Ich versuche in den Proben mit meinem Chor  ConTakt  stets auf einem Niveau von 110 %  zu arbeiten. Das nervt natürlich oftmals , weil ChorsängerInnen nicht immer verstehen, dass ihr Singen  noch nicht gut genug war ; dass das sängerische Ergebnis noch viel besser werden muss. Vieles was mir zum Thema Perfektion einfällt, habe ich aber auch eben schon erwähnt: Balance der Stimmen – in der Stimmgruppe – im ganzen Chor, rhythmische Schulung, Stimmsitz unter evtl. Berücksichtigung der Terlusollogie* und  arbeiten und arbeiten – immer wieder fordern und fordern. Auch mal bis an die Schmerzgrenze gehen.

SINGEN: Ganz konkret, was hat Ihnen der Kurs gebracht?

AJ: Die Einsicht bzw. Erkenntnis, dass man sich im Laufe der Jahre Dinge aneignet , die auf den Prüfstand gehören und die dann korrigiert und richtig gestellt werden können. Ich habe wichtige Impulse mit nach Hause genommen und werde weiter daran arbeiten, mit weniger körperlichem Einsatz in meinem Dirigat noch klarer zu sein.

SINGEN: Dann fassen wir mal zusammen. Was macht einen guten, was einen weniger guten Chorleiter aus?

AJ: Ein guter Chorleiter muss stets das Wohlergehen seines Chores vor Augen haben, sollte aber auch versuchen in diesem Rahmen die Leistung voll auszuschöpfen und auszubauen. Er sollte auf Auftritte, die dem Chor nicht dienlich sind (z.B. große Bühnen im Freien) verzichten. Ob ein Chorleiter gut ist, hört man eigentlich schon nach den ersten gesungenen Tönen des Chores.  Mimik, Atmung, Energetik, Dynamik, Intonation, Artikulation, Interpretation …. wenn das alles stimmt, kommt Freude auf. Dann hat der Chorleiter alles richtig gemacht.  (Das Interview führte Wolfgang Layer)

* Ein alternativmedizinisches Konzept, das den Einfluss von Sonne und Mond auf den Menschen berücksichtigt. Beim Singen äußert sich das in zwei Atemtypen: dem lunaren Einatemtyp und dem solaren Ausatemtyp.

Wolfgang Layer, 25. Mrz 2012, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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