Friedrich Silcher und seine dichtenden Zeitgenossen

„Du hast sie gefasst in Töne…“ – das Ensemble Con Spirito, Ltg. Johannes Sorg

Es sind immer wieder besonders eindrucksvolle Veranstaltungen, die man im kleinen Silcher-Museum  in Schnait erleben kann. Das mag an der Atmosphäre liegen, am sehr lebendigen Freundeskreis des Museums, nicht zuletzt aber an den originellen, nicht alltäglichen Themen, die auf dem Programm stehen, vor allem im Jubiläumsjahr des Museums.

Um die schwäbische Dichterschule ging es in der literarisch-musikalischen Soirée am 16. Mai, und mit ihr – wie könnte es anders sein – um Friedrich Silcher. Der kleine, große Schulmeister aus dem Remstal, der dort Karriere gemacht hat, wo er auf seine dichtenden Zeitgenossen stieß, also in Tübingen – er beherrschte von allen Komponisten seiner Zeit und den nachfolgenden Epochen die einfachste, die am meisten direkte, die volksliednächste Sprache. Man kann zu dieser Erkenntnis kaum besser gelangen als durch die Musikauswahl dieses Abends mit Sätzen von Friedrich Silcher, Robert Schumann, Hugo Distler und – Johannes Brahms.

Wenn man von romantischer Literatur für Frauenchöre spricht, fällt meist zuerst sein Name. Das Stuttgarter Doppelquartett „Con spirito“, acht Frauenstimmen unter der Leitung von Johannes Sorg, wurde dem Klangideal seiner Volksliedbearbeitungen umfänglich gerecht. Kein falscher „künstlicher Ton“ störte hier die Kunst. Ganz anders waren die versponnenen, zum Teil hochkomplizierten, ja vertrackt polyphonen Kompositionen („Die Capelle“ nach Ludwig Uhland) des Robert Schumann. Johannes Sorg und seinen Frauenstimmen schien diese Tonsprache ganz besonders ans Herz gewachsen. So souverän und frei gestaltet, dennoch stets präzise in der Artikulation,  mag man Mörikes „Soldatenbraut“ und Kerners „Klosterfräulein“ hören.

Ihnen stand bei Silcher der durchsichtigste Satz für ein Volkslied entgegen, den man sich vorstellen kann. Der Vergleich zwischen beiden ist wie das Ergebnis von zwei Inszenierungen. Der eine Regisseur inszeniert das Original, der andere bricht es inhaltlich im Geflecht seiner Assoziationen. Dass wir dieser direkten, ja manchmal kindlich reinen Eigenschaft Silchers sein weltweit bekanntestes Lied verdanken, das am Beginn des Konzerts zu hören war, gehört zum „erfahrenen Wissen“, das man aus der Soiree mit nach Hause nehmen durfte. Denn die „Loreley“ ist eben nicht das in Reime gefasste Märchen, das übrigens der Rheinromantik kommerziell erst so richtig in die Schuhe half, sondern der traurige Abgesang auf die Ideale der Romantik. Wie hätte es bei Heinrich Heine auch anders sein können.

Zurück zum Konzept und den Texten für die Soiree. Wer schreibt heute noch solche Manuskripte? Aus der Frage spricht kein Kulturpessimismus, sondern ganz einfach die Begeisterung für eine Autorin, die kein Wikipedia und kein copy&paste benötigt, um ihr Wissen eloquent, brillant, vor allem aber kurzweilig und verständlich zu vermitteln – mit Charme, subtiler Ironie, stets auf Augenhöhe mit denen, über die gesprochen wird. Es ist die Stuttgarter Rundfunkjournalistin Heidi-Barbara Kloos, keine unbekannte also, eine mit „Handwerk“ und „von der Pike auf“ usw. Sie wissen, was ich meine.

Wenn ein solch literarisch-musikalischer Exkurs auf einen Rundfunkkollegen wie Rudolf Guckelsberger trifft, kann auf der Wortseite nichts mehr schief gehen. Er macht die Texte zu seinen eigenen, füllt die Wortblöcke quasi mit der passenden Musik. Das Auditorium hängt an seinen Lippen, wenn er Heinrich Heines bitter ironischen Ton, seine Tiraden gegen die schwäbischen Dichter, diese Wegbereiter des Antisemitismus –  allen voran Gustav Schwab, Wolfgang Menzel und Gustav Pfizer – ebenso bitter trifft. Da ist einem mehr zum Weinen als zum Lachen zu Mute. Und „Stukkert“, das Zentrum aller „Philister“ und Inbegriff deutscher Biedermeier-Muffigkeit, war für Heine nichts anderes als der Ort, an dem „Nudeln“ und „fromme Metzelsuppen“ verspeist werden.

Die Keimzelle der schwäbischen Dichterschule bildete sich im ersten Jahrzehnt des romantischen Jahrhunderts an der Universität Tübingen um Ludwig Uhland und Justinus Kerner. Als Friedrich Silcher 1817 – also 10 Jahre später – nach Tübingen kam – immerhin als erster Musikdirektor der Eberhard-Karls-Universität – wurde er von keinem Menschen mit offenen Armen empfangen. Er hat sich – das ist einer der ganz besonderen Wesenszüge des schwäbischen Komponisten – seine gesellschaftliche Position, sein Ansehen, seine Reputation und irgendwann einmal die Zuneigung seiner Studenten und all derer, die mit ihm zu tun hatten, selbst erworben. Seine liberale Gesinnung verbarg er nicht, aber er griff nicht aktiv ein in die z.T. sehr handgreiflichen Wirren des Vormärz in Tübingen. Er war auch nicht feige, aber er war ein anderer als die rebellischen Dichterkollegen. Sein Metier war die Musik, auch die rebellische. Und so arrangierte und dirigierte er in Tübingen z.B. die  „Marseillaise“ und „Noch ist Polen nicht verloren“ – was mit Sicherheit von der Obrigkeit registriert worden ist.

Ein wichtiges und klug durchdachtes Detail des ausdauernd beklatschten Programms möchte ich abschließend erwähnen. Einige Lieder gab´s doppelt: „Das verlassene Mägdlein“ von Eduard Mörike z.B. in der Fassung von Robert Schumann und Hugo Distler. Mit Distler öffnete sich der Blick hinein ins 20. Jahrhundert. Dem romantischen Dichterwort stand plötzlich nicht mehr die tonselige Sprache der Melodie, sondern die karge, klangorientierte Sprache der erweiterten Tonalität entgegen. Da wurde einem bewusst, dass man in dem nahezu zweistündigen Konzert eigentlich nur einen kleinen Mosaikstein kennengelernt hatte von den musikalischen Folgen dieser schwäbischen Dichterschule.

Wolfgang Layer

Wolfgang Layer, 17. Mai 2012, Chorgattung, Chorverband Friedrich Silcher, Frauenchöre, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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