„Denn alles Leben dürstet nach Beseelung“

Mozarts „Zauberflöte“ in der Calwer Aula

„So werd ich dich noch einmal wiederhören, geliebteste Musik“. Diese ersten Worte Hermann Hesses aus dem Gedicht „Mit der Eintrittskarte zur Zauberflöte“ mögen Hans-Jörg Kalmbach in den Sinn gekommen sein, als feststand, dass die Chorvereinigung Liederkranz Concordia Calw (LiCo) zu ihrem 175-jährigen Jubiläum die „Zauberflöte“ aufführen würde. Denn Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel begleitet den 1951 geborenen Gründer der Musikschule Calw und der Aurelius Sängerknaben sowie heutigen Dirigenten des LiCo schon sein gesamtes musikalisches Leben lang.

Vor Jahrzehnten hatte er das Werk ausschließlich mit lokalen Musikern erarbeitet und dargeboten, danach studierte er über Jahre hinweg als Stimmbildner und Chorleiter des Tölzer Knabenchors sowie der Calwer Aurelianer mit immer neuen Jungen die Partie der „Drei Knaben“ ein und bereiste mit ihnen Opernhäuser in ganz Europa, und nun sollte sich dieser Kreis im Jahr 2012 in Calw wieder schließen.

Um die „geliebteste Musik“ also „noch einmal wiederhören“ zu können, griff die erste Vorsitzende des LiCo, Christa Erath, den Gedanken Kalmbachs auf, die Oper fast ausschließlich mit solchen Musikern zu Gehör zu bringen, die ihre Wurzeln in Calw haben. Der örtliche Bezug stand jedoch keineswegs im Widerspruch zur Güte der Beteiligten, wie die Premiere am 22. Juni in der Calwer Aula zeigte.

Das galt zunächst für das Orchester, für das Konzertmeister Gerd-Uwe Klein mit seinem Ensemble „Musik auf der Höhe“ verantwortlich zeichnete. Bereits die Ouvertüre wurde hörbar historisch informiert – schlank, straff und schnörkellos – interpretiert, und doch entbehrte dieser Klang nicht einer Mozart-typischen, leichten Eleganz. Kaum zu glauben, dass hier nicht nur Berufsmusiker, sondern neben Musikstudenten auch fortgeschrittene Schüler agierten.

Das galt außerdem für den Chor, der sich aus Mitgliedern der verschiedenen Chöre des LiCo zusammensetze: Ältere Semester aus dem „Lico Classic“, einige Sängerinnen und Sänger aus den Reihen der „Swing Singers“, junge Männer und Frauen aus „CalvVoci“ bzw. „ARTEvocale“ sowie Jungsängerinnen aus den Mädchenchören verschmolzen zu einem Generationen übergreifenden, stimmgewaltigen und stets deutlich artikulierenden Ensemble, das so manchen etablierten Opernchor vor Neid erblassen ließe.

Und das galt schließlich und in besonderem Maße für die Solisten. Abgesehen vom Tamino (Philipp Nicklaus) wurden alle männlichen Rollen mit aktiven oder ehemaligen Aurelius-Sängerknaben besetzt – ein Fakt, der die hohe Qualität der Calwer Ausbildung wie auch das Talent der Beteiligten eindrucksvoll widerspiegelte. Sascha Max, Daniel Fix, Andreas Kalmbach und Felix Walz überzeugten als Priester bzw. Geharnischte, Jan Sauer gab den Sarastro sängerisch wie darstellerisch souverän und würdevoll, und Kai Kluge sprühte als Monostatos vor Spielfreude und brillierte mit seinem agilen Tenor. Frieder Pfeiffer schließlich kitzelte in der Rolle des Papageno aus Emanuel Schikaneders Libretto derart viel Witz heraus, dass man sich fragte, ob der Autor den Vogelfänger bei der Uraufführung 1791 auch nur ansatzweise so lustvoll darbot. Dass David Rother, Cedric Schmitt und Jeffry Selbach als „Drei Knaben“ bezauberten, versteht sich in Calw im Übrigen von selbst.

Die Frauenstimmen standen dem indes nicht nach: Ines Levacher (LiCo), Yvonne Hartmann (LiCo) und Michaela Brandl (LiCo) gefielen als „Drei Damen“, die in der Rahmenhandlung zwar darauf aus sind, einander zu übertrumpfen, die sich jedoch musikalisch perfekt ergänzten. Sonja Tomaz Matias, auch ehemalige LiCo-Sängerin, schien die Rolle als lebensfrohe Papagena wie auf den Leib geschnitten. Leonie Zehle, ehemalige Calwer Abiturientin, bewältigte scheinbar mühelos die schwierige Aufgabe, Paminas inneren Konflikt zwischen der großen Verantwortung als Erbin des siebenfachen Sonnenkreises einerseits und andererseits der kindlich-naiven Untergebenheit ihrer Mutter gegenüber, in Musik und Szene umzusetzen. Und wie Regina Maria Vollmer, eine der wenigen ohne direkten Bezug zu Calw, als Königin der Nacht die Arie „Der Hölle Rache kocht in meinem Herzen“ meisterte, war schlicht atemberaubend.

Kein Zweifel, hier waren Könner am Werke, und dass neben diese musikalische Qualität auch eine inszenatorische trat, lag maßgeblich an der Regie von Kathrin Basedau und Dorothea Matt. Sie hielten die Balance zwischen der nötigen Ordnung in der groß angelegten, präzise einstudierten Gesamt-Choreografie, und unzähligen intelligenten wie gewitzten Details in Gestik und Mimik. Ricarda Dammers Bühnenbild und Astrid Grundels Kostüme komplettierten den optisch gelungenen Gesamteindruck.

Folgerichtig applaudierten die Zuhörer nach gut drei Stunden minutenlang im Stehen, und neben die Begeisterung ob dieser denkwürdigen Aufführung mischte sich ein Gefühl, das schon Hermann Hesse seinerzeit empfunden haben muss, als er sein Gedicht „Mit der Eintrittskarte zur Zauberflöte“ mit den Worten enden ließ: „Denn alles Leben dürstet nach Beseelung“.

Von Daniel Krummacher

Wolfgang Layer, 29. Aug 2012, Gaue und Verbände, Hermann-Hesse-Chorverband, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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