Das bürgerschaftliche Engagement als Träger der Kulturlandschaft

Der Autor Johannes Pfeffer ist stellvertretender Vorsitzender der Chorjugend im Schwäbischen Chorverband und der Deutschen Chorjugend. Er hat in Tübingen Musikwissenschaft und Erziehungswissenschaft studiert. Für den SCV betreut er ferner die Website und den Weblog „Singen und Stimme“.

Kultur und bürgerschaftliches Engagement sind seit jeher eng verbunden. Mit der Emanzipation des Bürgertums an der Wende zum 19. Jahrhundert entstanden durch das Engagement der Bür­ger zahlreiche Kultureinrichtungen wie Kunstvereine, Museen und Bibliotheken. Eine Vielzahl der von Bürgern gegründeten Institutionen gingen mit dem Ende des 19. Jahrhunderts in kommunale oder staatliche Trägerschaft über1. Jedoch werden bis heute zahlreiche Kulturinstitutionen, insbesondere Heimatmuseen und Kunstvereine im ländlichen Raum, vollständig durch Ehrenamtliche getragen. Doch auch in den institutionalisierten Einrichtungen spielt das Ehrenamt eine bedeutende Rolle. Unter der Prämisse „Kultur für alle“ wuchs die Zahl der Kulturinstitutionen in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts enorm an2. Mit den stagnierenden und zurückgehenden Zuschüssen sind die Institutionen vor die Aufgabe gestellt ihren Kulturbetrieb unter diesen Bedingungen fortzuführen.

Da Kulturinstitutionen zumeist äußerst personalintensive Betriebe sind3, ist der Einsatz von eh­renamtlichen Mitarbeitern auch in hauptberuflich geführten Betrieben in der Regel gern gese­hen. Dabei kommt den Verantwortlichen des Kulturbetriebes, dem Kulturmanager, die Aufgabe zu, das Zusammenwirken von hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern zu gestalten. Dieses ist nicht immer spannungsfrei, da hauptamtliche Kräfte in der Regel für ihre Tätigkeit ausgebildet sind und damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Ehrenamtliche Kräfte hingegen sind nicht auf das Geld angewiesen, möchten aber dennoch nicht nur für einfachste Aushilfsar­beiten eingesetzt werden. Die Kulturinstitution muss dabei Wege finden in welche Aufgaben sie die Ehrenamtlichen einbinden kann bis die Personalplanung der hauptberuflichen Kräfte davon betroffen ist. In der Staatsgalerie Stuttgart sorgt eine eigene Koordinatorin im Betrieb für den Einsatz der 90 ehrenamtlichen Mitarbeiter. Mit der Planung der Einsatzstellen wird auch stets das Ziel verfolgt, dass die Ehrenamtlichen nicht in Konkurrenz zu den hauptberuflichen Mitarbeitern treten5. In vielen Fällen wird durch das Ehrenamt ein Zugewinn an Service und Verfügbarkeit der Kultur möglich, durch verlängerte Öffnungszeiten in Bibliotheken, Infotheken oder Führungen in Museen.

Eine weitere, aus meiner Sicht wachsende, Form des ehrenamtlichen Engagements für Kulturbe­triebe, ist die Gründung eigenständiger Fördervereine, wie der der Württembergischen Philhar­monie Reutlingen. Der Förderverein unterstützt durch Spenden und Beiträge seiner Mitglieder finanziell die Arbeit des Orchesters, beispielsweise bei der Anschaffung von Instrumenten oder CD-Produktionen, die im normalen Haushalt nicht, oder nur eingeschränkt, möglich wären.

Darüber hinaus setzen die Mitglieder des Fördervereins aber auch ihre Zeit und Arbeitskraft für ihr Orchester ein und unterstützen das Orchestermanagement beim aufwändigen Verteilen von Spielzeitheften und Werbemitteln zu Beginn der Konzertsaison oder durch die Betreuung bei Konzerten. Die Philharmonie selbst honoriert dieses Engagement beispielsweise durch Einla­dungen zu Probenbesuchen oder Ermäßigungen.

Neben den monetären Vorteilen, welche Kulturinstitutionen durch den Einsatz Ehrenamtlicher erhalten, ist natürlich die Motivation der Ehrenamtlichen die Triebfeder dieser Kooperation. Laut Freiwilligensurvey des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend  engagierten sich im Jahr 2009 über 2 Millionen Deutsche im Bereich Kultur/Musik6. Fragt man die Ehrenamtlichen nach den Gründen, was für den Freiwilligensurvey getan wurde, stehen Spaß an der Arbeit und die Tätigkeit für andere und das Gemeinwohl ganz oben. Insbesondere jüngeren Freiwilligen (14-30 Jahre) ist auch die persönliche Weiterbildung und Qualifizierung wichtig7.

Fast die Hälfte der Ehrenamtlichen ist in Vereinen aktiv (47 %8), so auch im Kulturbereich. Da­her nehmen Vereine eine besondere Stellung im Bereich der ehrenamtlichen Kulturarbeit ein. Zum Ende des 19. Jahrhunderts haben sich in Süddeutschland bereits die Gesangsvereine in Ver­bänden zusammengeschlossen. Bis heute ist dies in den meisten Kultur- und insbesondere Mu­siksparten ähnlich vollzogen. Die Verbände weisen mittlerweile einen hohen Grad der Institutio­nalisierung auf. Die wachsende Zahl der gut ausgebildeten und studierten Kulturmanager wird in den nächsten Jahren auch in diesem Bereich mehr und mehr Fuß fassen. Die Legitimation der Arbeit dieser Verbände kommt aus den ehrenamtlichen Vereinen, die Verbände selbst sind in der Regel als e.V. organisiert. Die größte Zahl der Mitarbeiter für einen Kulturmanager, in einem solchen Musikverband beispielsweise, ist ehrenamtlich tätig. Darüber hinaus sind die Vorstände dieser Vereine weisungsbefugt gegenüber dem hauptberuflichen Kulturmanager. Der hauptbe­rufliche Mitarbeiter hingegen kann seinen zeitlich erheblich größeren Einsatz bieten. Die Gefahr besteht dabei, dass die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder, zu deren Zwecke der Verein besteht, außen vor bleiben und die Leitung des Vereines real in die Hände der hauptberuflichen Verwal­tung übergeht9. Aufgabe des Kulturmanagers ist es in seinem Arbeitsalltag die Mitspracherechte der Ehrenamtlichen zu gewährleisten. Die Ehrenamtlichen in den Leitungspositionen hingegen müssen ihre Kontrollaufgabe ernst nehmen und Möglichkeiten zu einer effektiven Arbeitsgestal­tung des hauptberuflichen Kulturmanagers mitgestalten. Die Schwierigkeit für Kulturmanager liegt ja darin, dass die Entscheidungswege in einem solchen Verein zuweilen recht lange sind und die  professionelle und zuverlässige Zusammenarbeit mit Partnern erschwert.

Literatur und Quellenverzeichnis:
1. Bernd Wagner, Ulrike Blumenreich: Bürgerschaftliches Engagement und Ehrenamt im Kulturbereich, Wesseling, 2004. vgl. S. 17.
2. Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel, Stephan Opitz: Artikel „Die Hälfte?“, in: Der Spiegel, Nr. 11/12.3.12, S. 136.
3. Petra Schneidewind: Betriebswirtschaft für das Kulturmanagement, Bielefeld, 2006. vgl. S. 18.
4. Die verwendete männliche Form bezieht selbstverständlich die weibliche Form mit ein. Auf die Verwendung beider Geschlechtsformen wird lediglich mit Blick auf die bessere Lesbarkeit des Textes verzichtet.
5. http://www.staatsgalerie.de/ehrenamt/, 22. März 2012, 12:24 Uhr.
6. Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. S. 7.
7. Ebd. S. 12ff.
8. Ebd. S. 28.
9. Steffen Höhne: Kunst- und Kulturmanagement : Eine Einführung, Paderborn, 2009. Vgl. S. 106

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