Die Traubenblüthe: Zu einem bislang unbekannten Albumblatt von Friedrich Silcher

Matinee im Silcher-Museum am 21. Oktober 2012

Musiker und Musikwissenschaftler zählen „in der freien Wildbahn“ nicht unbedingt zu den musischen Akteuren, die sich über den Weg trauen. Bei der Matinee „Traubenblüthe“ im Silcher-Museum war das ganz anders. Da gingen Musik und Musikwissenschaft eine selten zu erlebende glückliche Symbiose ein, eine sich gegenseitig befruchtende und erklärende Allianz, was vielleicht auch daran lag, dass der Referent selbst einmal „Jugend musiziert“-Preisträger war. Die Akteure waren der Musikwissenschaftler Dr. Rafael Rennicke aus Tübingen, Natalie Karl (Sopran), Matthias Klink (Tenor) und Sabine Layer (Klavier und Regie).

Das Konzert war in drei musikalische und zwei Vortrags-Abschnitte aufgeteilt, die lückenlos ineinander übergingen und die wissenschaftlichen Forschungsergebnisse von Rafael Rennicke in eine fiktive „Homestory“ des Ehepaars Silcher mit Liedern von Mendelssohn und Silcher integrierten. Wie sehr diese originelle Grundidee zum Gelingen der Veranstaltung beitrug, wurde einem bewusst, obwohl man die Regie nicht spürte, weil sie führte, nichts vorführte.

Ausgangspunkt war ein Albumblatt, 14 x 9 cm klein, aus dem Jahr 1822, das eine anonyme Spenderin dem Silcher-Museum zum Jubiläumsjahr geschenkt hatte. Der Text:

„Weit, so weit mein Auge sieht, alles blüht,
Berg und Thal in der Sonne mildem Strahl.“

Was es mit diesem Albumblatt auf sich hat, wem es gewidmet und was das Besondere an ihm ist, wie sehr es musikalisch aus dem Rahmen fällt und woher der Text stammt – viele Fragen galt es zu klären, wofür den agierenden Vollblutmusikern zwar nicht die Töne, aber die wissenschaftlichen Methoden fehlen. Rafael Rennicke – hier waren sich Zuhörer und Musiker der Matinee einig – löste die Aufgabe mit Bravour, mit sprachlicher Eleganz, sensiblem Einfühlungsvermögen in den musikalischen Rahmen und überraschenden Ergebnissen. Das Albumblatt führte nach Kirchheim u. Teck und war die erste Strophe eines eher erbaulichen Gedichtes des Theologen Jonathan Friedrich Bahnmaier, der 1817 Silchers Weg an die Tübinger Universität geebnet hatte. Für dessen Tochter und ehemalige Silcherschülerin war das Albumblatt geschrieben.

Was bringen Erkenntnisse wie diese, stellen sie doch bestenfalls kleine Mosaiksteinchen im großen Gesamtbild romantischer Liedkunst dar, und noch kleinere innerhalb der gesamten Musikgeschichte?

Sie sind ein gutes Beispiel für die Bedeutung der Musikwissenschaft, wie ich denke. Idee und Auswirkungen des Networking sind heute Allgemeingut. Wer je im Wikipedia unterwegs war, kennt die Wichtigkeit des Linkens und Verlinkens, die aus der Eindimensionalität in die Tiefe der Geschichte führt. Aber es gibt noch ganz andere Argumente für Forschungsaufgaben wie die zur „Traubenblüthe“, die sich bei der Realisierung des „Traubenblüthe“-Projekts ergeben haben.

Sabine Layer stellte das Albumblatt sowie drei weitere Sololieder Silchers drei Duetten und drei Sololiedern Felix Mendelssohn Bartholdys gegenüber. Der 20 Jahre ältere Tübinger Musikdirektor und Lehrer im Vergleich mit dem ersten „Karajan des 19. Jahrhunderts“, dem Gründer der ersten deutschen Musikhochschule in Leipzig, dem Haydn-Verehrer und Wiederentdecker der Werke Bachs und Händels – konnte das gut gehen? Es erwies sich – man muss es so sagen – als Initialzündung für eine längst fällige Aufarbeitung des umfangreichen Sololiedschaffens von Friedrich Silcher. Darin waren sich SCV-Präsident Dr. Seifert, Rudolf Veit vom Silcher-Museum und die drei Künstler einig. Auch wenn Silchers Handschrift Unterschiede zu Mendelssohn aufweisen mag, in ihrer Klarheit, Einfachheit, Direktheit haben beide doch so viel Gemeinsamkeiten, dass die Übergänge vom einen zum anderen während des Konzerts nahezu unbemerkt vor sich gingen. Wenn ein kleines „Albumblatt“ und seine wissenschaftliche Zuordnung solche Auswirkungen zeitigt, wird einem der Sinn musikalischer Forschung zusätzlich klar.

Sabine Layer hatte die Liedbeiträge in drei spielerische Szenen verpackt, die man mit „Heimkehr“, „häusliches Komponieren“ und „Abendstimmung“ überschreiben könnte. Und sie hätte für Friedrich Silcher und seine Frau Luise Rosine Enßlin keine besseren Interpreten finden können als die Sopranistin Natalie Karl und den Tenor Matthias Klink. Die seit vielen Jahren auf den großen Bühnen erfolgreichen Opernstars haben sich die Liedkunst für ihre Stimme bewahrt, die Fähigkeit ohne Orchester zu überzeugen, die Zartheit, Direktheit, das Sentiment, die Emotion ohne jegliches Pathos, die Ideale des Liedgesangs. Die Auswahl der Lieder verwandelte den musealen Hauptraum in die Bühne, auf der die Liebende den Geliebten erwartet (Mendelssohn/Goethe: Die Liebende schreibt). Der ist von draußen zu hören mit dem Silcherlied „Alphorn“, kommt nach drinnen und begrüßt die Wartende (Mendelssohn/Eichendorff: Gruß). Ende des 1. Akts könnte man sagen. Doch statt Häppchen und Pausensekt gab es nun den 1. Teil des musikhistorischen Exkurses, der ja den eigentlichen Mittelpunkt der Matinee bildete. Die Ehefrau zog sich währenddessen auf ihr Biedermaier-Sofa zurück und stickte, während ihr Mann komponierte. Und Rafael Rennicke analysierte die „Traubenblüthe“.

Wie präzise sich ein Musikwissenschaftler einem musikalischen Werk nähert, erinnert an die Hauptuntersuchung beim TÜV. Es reicht nicht, wenn das Gefährt fährt bzw. die Töne tönen. Jede Notenlinie, jede Tonart, jede noch so kleine Koloratur wird hinterfragt. Faszinierend vor allem dann, wenn dem theoretischen Diskurs alsbald der praktische folgt, die Wiedergabe des „Albumblatts“.

Wenn ein Tenor wie Matthias Klink, der an der New Yorker Met als Tamino in Mozarts „Zauberflöte“ das Publikum zu Beifallsstürmen hingerissen hat, mit der gleichen Innigkeit und Sangesfreude im kleinen Silcher-Museum in Schnait als erster Solist diesem „Albumblatt“ seine Stimme gibt, und eine Sopranistin wie Natalie Karl, die z.B. als Blonde in Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Semper Oper Dresden, der Kölner Oper, der Oper Bonn und an der Komischen Oper Berlin Erfolge gefeiert hat, ihre Stimme dazugesellt, dann ist das so etwas wie ein Gütesiegel, ein musikalischer Stempel. Entzückend die fiktive Szene, in der Luise Rosine Enßlin ihren Mann Friedrich aus den düsteren Gedanken seiner Komposition „Geisterzug“ hinüberführt zum „Traubenblüthen“-Lied. Auch wenn der erfindungsreichen Regisseurin „nur“ ein Klavier zu Verfügung stand, man vermisste den Flügel nicht. Ihre Qualitäten als Liedbegleiterin zu rühmen, hieße Eulen nach Athen zu tragen. Seit Jahrzehnten konzertiert sie mit internationalen Künstlern. Für sie gilt der Satz: Ein guter Begleiter macht den Solisten zum Duo und das Duo zum Terzett. Wie gut sich Natalie Karl und Sabine Layer musikalisch verstehen – sie arbeiten jede Woche an der Musikhochschule in Stuttgart zusammen –  zeigte im 3. Teil das Lied „Vergangen ist der lichte Tag“ (Mendelssohn/Eichendorff). Kann es mehr Innigkeit geben,  mehr Suche nach Sicherheit und Gottvertrauen, die Eichendorff hier zum  Inhalt macht, 100 Jahre vor der Gründung des Silcher Museums. Da müssen Sängerin und Pianistin in jeder Phase gleich getaktet sein, um diesen Bogen zu bewältigen. Große Liedkunst von Natalie Karl, dieser außergewöhnlichen Künstlerin!

SCV-Präsident Dr. Eckhart Seifert hatte sich bei der Begrüßung nicht zu früh bedankt bei allen Mitwirkenden und Beteiligten vor und hinter der imaginären Bühne, und bei allen, die das Jubiläumsjahr des Silcher-Museums zu einem unvergesslichen Ereignis gemacht hatten. Er konnte die Nachfahren der Familie Silcher begrüßen und eine illustre Publikumszahl, welche die räumlichen und stuhltechnischen Ressourcen des Museums voll ausfüllte.

Und weil das Ende nie das Ende sein sollte, gab es eine Zugabe, die einen Silcher präsentierte, wie ihn in diesem Raum sicher noch keiner gehört hat: Virtuose Variationen über das Lied „Vien’qua, Dorina bella“. Diese Koloraturspielchen hätten auch vom drei Jahre jüngeren Rossini sein können. Ursprünglich für einen Tenor gedacht, teilte Sabine Layer sie auf beide Stimmen auf und inszenierte damit zum Abschluss einen kleinen Wettkampf, der nur Gewinner sah. Großer und langer Beifall und ein wunderbarer Abschluss des Jubiläumsjahres 100 Jahre Silcher-Museum.  Florian Wolf

Wolfgang Layer, 22. Okt 2012, Singen und Stimme, Veranstaltungen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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