Singen verleiht Flügel

Interview mit Anette Zanker, Musikpädagogin und Chorleiterin

Gesang mit Kindern und Jugendlichen ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft unserer Mitgliedsvereine und hilft mehr positives Image für das Singen zu kreieren, ist sich Anette Zanker sicher. Sie verbindet vorbildlich Schule und Verein unter dem Motto „Singen verleiht Flügel“.

Anette Zanker hat als Kind selber immer begeistert  im Chor gesungen und bereits früh Flöte und Geige erlernt. Gefördert wurde sie von ihren Lehrern und Eltern, was sie heute noch als entscheidende Komponente für ihre positive Haltung gegenüber dem Gesang ansieht.

Den Samen, der dadurch als Kind bei ihr „gepflanzt“ wurde, möchte sie heute weitergeben und spricht sich dafür aus, bei der Nachwuchsförderung auch einmal unbekannte, neue, aber spannende Wege zu gehen, wie z.B. Kinderkonzerte zu gestalten.

Das Interview im Wortlaut:

CHORJUGEND:

Wie alt waren Sie zu Beginn Ihrer Chorleiterkarriere?

Anette Zanker:

Mit 14 Jahren war ich das erste Mal auf einer Chorleiterfortbildung.
Nachhaltig als Chorleiterin ausgebildet wurde ich während meines Studiums in Freiburg, wo ich von sehr guten, motivierenden Dozenten lernen konnte.

Entscheidend für meinen musikalischen Weg waren aber neben meiner Geigenlehrerin in der Musikschule vor allem meine Eltern, die mich musikalisch gefördert haben, obwohl sie selbst keine Musiker sind. Meine Mutter hat mit uns gesungen und auch Rituale, wie die weihnachtliche Hausmusik hatten einen hohen Stellenwert. In der heutigen Zeit werden die Zeiten kürzer, in denen sich Eltern um die musikalische Erziehung ihrer Kinder kümmern können (wollen). Hier könnten und sollten Vereine neben dem Angebot von Musikschulen ansetzen und wie  in Sportvereinen für alle Altersklassen attraktiv sein und zwar schon für die Kleinsten in Form von Eltern-Kind-Kursen.

CHORJUGEND:

Was zeichnet die Arbeit mit Kindern, Teenies und Jugendlichen besonders aus?

Anette Zanker:

Ganz besonders toll finde ich die Offenheit für alles. Junge Menschen sind offen für Experimente, Innovationen und wollen auch mal „spinniges Zeug“ auch im Gesangsbereich machen. Sie müssen eben an die Hand genommen werden – z.B. um ihren Körper und ihre Stimme kennen zu lernen und um zu erfahren, was Musik, was der Gesang im Menschen selbst und in der Gruppe bewirken kann.

Kinder lieben Stimmbildungsarbeit mit spielerischen Elementen. Sie wollen aber auch  ernst genommen werden und einmal (z.B. beim intensiven, disziplinierten Proben) wie Erwachsene an ihre Grenzen geführt werden.  Das größte Lob für einen Chorleiter sind  leuchtende Kinderaugen beim Singen oder auch das stolze Gesicht eines Kindes nach einem Auftritt.

CHORJUGEND:

Was muss einen Chorleiter auszeichnen?

Anette Zanker:

Der Chorleiter begleitet und motiviert die Sänger – und das jede Woche neu. Methodenwechsel beim Proben, eine geeignete, motivierende Literaturauswahl, aber vor allem auch ständige Reflexion des eigenen Könnens und Handelns sind sehr wichtig.

Chorleiter sollten offen für die eigene Weiterbildung sein und regelmäßig  „über den Tellerrand schauen“. Es gibt im Gesangsbereich und in der Chorlandschaft so tolle Sachen und Menschen, da lohnt sich ein Blick!  Innovativ, zugleich authentisch sein und schauen, was machbar ist, was den Chor voran bringt, aber auch was den Sängern Freude und Spaß bereitet, das alles sollte der Chorleiter im Blick haben, was sich dann auch auszahlt.

An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Kinder- und Jugendarbeit nicht so einfach „nebenher“ im Verein funktioniert. Die Arbeit erfordert ein hohes Maß an Engagement von Seiten des Vereins und des Chorleiters. Der organisatorische Aufwand in einem Kinder- und Jugendchor ist groß, die Chorproben mit Kindern sind anstrengend und die Vorbereitungszeit ist nicht zu unterschätzen, denn selbst das einfachste Kinderlied muss mit der entsprechenden Methodik und Stimmbildung erarbeitet und eingeübt werden. Das sollte bei der Gründung eines Kinderchors und  bei der Auswahl eines fachlich geeigneten Chorleiters bedacht werden.

CHORJUGEND:

Warum raten Sie Mitgliedsvereinen zur Gründung von Kinder-, Jugend- oder Neuen Chören?

Anette Zanker:

Nachwuchsförderung ist der Schlüssel für den Fortbestand eines Vereins. Und: wir müssen uns alle bewusst werden,  dass jeder Verein, jeder Chor einen Beitrag zur Gesellschaft leistet. Jeder weiß, dass bei Teenies und Jugendlichen die Hormone aus dem Gleichgewicht geraten. Wissenschaftlich konnte belegt werden, dass das Singen hilft,  Hormone zu steuern und auszugleichen. Neben diesem positiven Effekt auf jeden Einzelnen  können auch Gruppen durch das gemeinsame Singen harmonisiert werden! Alle singen gemeinsam, bekommen gemeinsam Applaus, alle bilden  eine starke Gemeinschaft und entwickeln ein ausgeprägtes Gruppengefühl. So leistet das Singen im Chor einen wichtigen Beitrag zur Gesellschaft: das Chorsingen zeigt, dass verschiedenste Menschen zusammen gebracht werden können und sich durch das gemeinsame Musizieren, verstehen.  Für das Singen gibt es insgesamt sehr viele Erkenntnisse, aus medizinischer, soziologischer und psychologischer Sicht, es sind wissenschaftlich fundierte Argumente!  Sollte da das Singen nicht genauso gefördert werden wie der Sport?

CHORJUGEND:

Welche Perspektiven haben Sänger nach dem Kinderchor?

Anette Zanker:

Damit die Kinder, die dem Kinderchor entwachsen, nicht mit dem Singen aufhören, sollte es natürlich einen Jugendchor geben – das ist eine logische Fortführung.

In unserem Kinderchor bieten wir Übergangsphasen an. So können die Kinder erst in beiden Chören singen und zum Beispiel nach den Sommerferien zu Beginn der 7.Klasse (also mit 13 Jahren) in den Jugendchor wechseln. Für die Sänger ist das Motivation, weil sie endlich bei den „Großen“ mitsingen dürfen und anders herum für den Kinderchor schon zu groß sind. Die Sänger im Jugendchor kennen sich dann zum größten Teil  aus der gemeinsamen Zeit im Kinderchor, was den Übergang erleichtert.

Thematisiert wird oft, dass der Nachwuchs bei den männlichen Sängern in den Chören ein Problem ist. Ich finde es besser, wenn dieses Thema nicht hochgeschaukelt wird,  sondern mit dem Potenzial gearbeitet wird,  das vorhanden ist. Das Glas ist nicht „halbleer“ sondern „halbvoll“. Allen Kindern und Jugendlichen, aber vor allem auch den  Jungs sollte vermittelt werden, das  Singen „das Normalste der Welt“ ist. Und wenn es mal aufgrund des Stimmwechsels nicht so gut geht (und klingt), dann gibt es noch tolle andere Möglichkeiten im Chor mitzumachen: Bodypercussion z.B. oder die Begleitung mit einem (dem eigenen) Instrument etc…

Im Anschluss an den Jugendchor ist natürlich das Ziel und der Wunsch, dass die Jugendlichen in den gemischten Chor wechseln (also mit 17, 18 Jahren oder auch älter) und sich so die Nachwuchsarbeit auch direkt auszahlt. Vielleicht gelingt das nicht immer genau so, vielleicht lassen sich manche Kinder und Jugendlichen nicht motivieren immer weiter zu singen und hören in ihrer „Chorlaufbahn“ auf. Das ist zwar sehr schade, aber wir dürfen nie vergessen: der Samen für das Singen, für die Musik überhaupt, ist gestreut und die Kinder und Jugendlichen werden das nie mehr vergessen, vielleicht kommen sie einmal wieder zurück. Ein gutes Image für den Gesang hilft bei künftigen Engagements und wenn die ehemaligen Sänger Eltern werden.

CHORJUGEND:

Wie bekommen Sie Nachwuchs im Chor?

Anette Zanker:

Oft spreche ich direkt Kinder und Jugendliche an, die mir z.B. in der Schule als „sangesfreudig“ auffallen, aber von ihrem „Talent“ selbst noch gar nichts wussten. Manche Kinder sind dann richtig überrascht und fühlen sich „geehrt“ und dann kommen sie einfach auf meine Einladung hin in den Kinder- oder Jugendchor.

Die beste Werbung ist immer noch ein guter Auftritt, wo mögliche Sänger angesprochen werden. Auch  ein „Werkstattkonzert“ (Einblick in die Arbeit im Chor, den momentanen Stand etc.) geben, wo die Sänger ihre Freunde, Bekannte, Verwandte mitbringen und vielleicht beim Einsingen einfach mitmachen  können? Auch wenn nur ein Sänger geworben werden kann, waren die Mühen erfolgreich!

Auch andere Aktionen sind denkbar: wie wäre es denn mit einem „Flashmob“ im Ort? Oder die Werbung in sozialen Netzwerken und im Internet? Wichtig ist eben ein Bindeglied zwischen Verein und Jugendlichen, welches sich einerseits mit dem Verein identifiziert und andererseits Jugendliche begeistern kann.

CHORJUGEND:

Wie hat sich die Chorarbeit jüngst entwickelt?

Anette Zanker:

Was die Kinder- und Jugendchorszene angeht:  sehr gut, natürlich mit steter Steigerungsmöglichkeit.  Der Schwäbische und der Oberschwäbische Chorverband setzen sich gut für die Kinder- und Jugendarbeit ein und setzen richtige Signale. Es wurde erkannt, dass wir „Back to the roots“  müssen und das auch im Kindergartenbereich. Früher wurde richtig viel gesungen, dann viele Jahre nicht mehr und heute ist Singen wieder „in“. Wegen mir können wir noch mehr Singen. Singen muss einfach wieder selbstverständlich zum Alltag, zum Leben jedes Babys, jedes Kleinkindes, jedes Schulkindes und dann letztendlich jedes Erwachsenen gehören.

CHORJUGEND:

Was ist erforderlich, um Chorarbeit positiv zu gestalten?

Anette Zanker:

Zur Gestaltung einer positiven Chorarbeit gehört nicht nur ein passendes, gelungenes Angebot, das zum Ort und zu den Gegebenheiten passt. Wir können mit dem Chor eine  Alternative für anderweitige Freizeitgestaltung bieten und Freunde zusammen führen. Da ist auch eine vertrauensvolle Atmosphäre im Chor und in den Proben sehr wichtig. Jeder Sänger sollte so kommen dürfen, wie er ist und dazu gehört auch, dass der Chor auffangen kann, wenn auch einmal ein Sänger nicht „so gut drauf“ ist.

Zur Chorarbeit gehören auch persönliche Gespräche: Wo sieht der Sänger sich selbst, fühlt er sich wohl im Chor, wie ist der sängerische Fortschritt – sozusagen eine Bestandsaufnahme. In der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist dies eine gute Möglichkeit, um den jungen Sängern unsere Wertschätzung entgegen zu bringen.

CHORJUGEND:

Chöre haben Probleme in der Nachwuchsarbeit. Was raten Sie den Chören?

Anette Zanker:

Ich könnte mir vorstellen, dass zunächst vielleicht einmal ein Projekt (z.B. ein Musical, ein halbjähriges Chorprojekt oder ähnliches) attraktiv ist, weil sie zeitlich begrenzt ist. Es ist da sicherlich sinnvoll zunächst keine Forderungen über das Projekt hinaus zu stellen. Trotzdem entsteht ja immer wieder durch ein Projekt  ein neuer Chor. Ein Verein muss eben zunächst „investieren“ und es kann schon auch etwas dauern, bis sich das auszahlt.

Neben den Möglichkeiten der Werbung, die ich bereits weiter oben genannt habe, ist es sicherlich wichtig, dass der Verein sich immer wieder präsentiert und im Gespräch bleibt. Ein Chor ist Teil der Kultur eines Ortes und trägt wesentlich zum kulturellen Leben bei.

Dabei sind Traditionen wichtig und vieles sollte erhalten werden. Und doch muss gleichzeitig auch das eine oder andere überdacht werden und ein Verein kann, darf und sollte offen für Neues sein.

Große Orchester oder Opernhäuser haben auch mit einem Nachwuchsproblem zu kämpfen, und zwar im Publikum. Deshalb gibt es hier immer mal wieder Kinderkonzerte. Ich glaube, dass solche Konzerte, wenn sie denn musikpädagogisch und konzeptionell gut durchdacht sind,  für die Vereine eine ganz große Chance sind!

CHORJUGEND:

Wie wichtig ist das Zusammenspiel zwischen Chorleiter und Vorstand?

Anette Zanker:

Ein konservativer Chorleiter und ein innovativer Vorstand passen nicht gut zusammen. Genauso andersherum. Vor einem Engagement muss deshalb am Besten erst einmal ehrlich über die Ansätze, Ideen und Themen gesprochen werden. Es gilt stetig gemeinsame „Standortbestimmungen“ zu machen und die Ausrichtung zu überdenken. Jeder möchte doch das Beste für den Verein. Und hier sehe ich das Zusammenarbeiten im Team als beste Möglichkeit an. Dabei ist die gegenseitige Wertschätzung wichtig. Gibt es mehrere Chorleiter in einem Verein, dann ist das ein riesiges Potenzial! Und diese Fülle in jeglicher Hinsicht sollte als „Teamwork“ gebündelt und optimal genutzt werden.

CHORJUGEND:

Wie sehen Sie ihre Zukunft als Chorleiterin?

Anette Zanker:

Nicht da, wo ich jetzt stehe. Stillstand ist Rückschritt. Und ich möchte “weiter gehen“, und – egal wo ich bin oder sein werde- auch weiterhin Verschiedenstes bewegen und beim „Fliegen“ lernen helfen.

CHORJUGEND:

Frau Zanker die Chorjugend bedankt sich für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen für die Zukunft alles Gute mit Ihren Chören und hoffen auf eine lange und gute Zusammenarbeit.

Bei Fragen steht Ihnen Frau Zanker unter der E-Mail: „anette.zanker@gmx.de“ zur Verfügung.

Klaus Haid, 23. Dez 2012, Chorpraxis, Jugendchöre, Kinderchöre, Oberschwäbischer Chorverband, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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