Für und Wider englische Texte

Sie fragen, unsere Beiratsmitglieder antworten. Schicken Sie Ihre Frage an die Geschäftsstelle oder die Redaktion. Unsere erste Frage entspringt einer häufig gehörten Klage. Es kommt immer wieder der Vorwurf, dass bei den sog. Jungen Chören zu viel in Englisch gesungen wird. Welche Maßnahmen bieten sich an, um enttäuschten Zuhörern entgegen zu kommen?

Wo liegt das Problem? Doch am fehlenden Verstehen der Texte!

Sabine Layer

Man kann englische und deutsche Songs nicht gegeneinander ausspielen. Die Alternative heißt: schlechter Chorsatz oder guter. In beiden Sprachen gibt es gute Arrangements und beide werden gerne gehört – deutsch und englisch.

Wenn Chöre englische oder anderssprachige Songs singen, wollen die Zuhörer einfach wissen, was da gesungen wird. So erklärt sich auch der Erfolg der SWR1-Reihe „Pop&Poesie“, in der Moderatorin Barbara Scherrer die „Song-Geschichten“ in deutscher Übersetzung präsentiert.

Es gibt jede Menge Menschen in unserem Land, die mit Bob Dylan und den Beatles – um nur zwei zu nennen – aufgewachsen und heute Rentner sind, die viele Melodien von damals kennen, sie gerne hören, aber immer noch nicht wissen, worum es genau geht in diesen Songs der Popgeschichte. Machen Sie sich die Mühe. Ihre Zuhörer werden es Ihnen danken. Und keiner wird enttäuscht sein.

 

Umdenken bei den Jungen Chören

Jürgen Huttenlocher

Zuerst möchte ich feststellen, dass ich im CVE (Chorverband Enz) bemerke, wie allmählich ein Umdenken bei den Jungen Chören stattfindet und man immer öfter auch Lieder mit deutschen Texten hört. Es ist nur nicht die Mehrzahl.

Allgemein betrachtet möchte ich behaupten, dass hier zuerst die Chorleiter gefordert sind nach entsprechender Literatur Ausschau zu halten. Wohl wissend, dass dies schwieriger ist, als nur das zu machen “was alle machen”. Wenn man allerdings doch beim Englischen bleibt ist es zu raten durch eine entsprechende Moderation und Inhaltsangaben oder Übersetzungen die Zuhörer mitzunehmen.

Grundsätzlich gilt: Wenn es zu bestimmten Themen keine passende deutsche Literatur gibt, dann lieber ein englischsprachiger guter und sauber ausgeführter Chorsatz als ein deutscher schlechter; (von denen es wahrlich genug gibt). Auch das kann man, wenn‘s passt, dem Publikum vermitteln.

 

Jedes Alter hat seine Lieder

Holger Frank Heimsch

Der Text und die Musik eines englischen Titels haben ihren Sinn und können nur sehr schwer getrennt werden. Meistens sind deutsche Übersetzungen sinnfrei oder haben nichts mehr mit dem Original gemeinsam. Daher sollten englische Titel auch in der Sprache gesungen werden, wie sie erstmalig veröffentlicht wurden.

Die Chorliteratur wird aber von Monat zu Monat reicher auch an deutschsprachiger Popmusik. Ebenfalls können Musicals auch in deutscher Sprache gesungen werden.

Grundsätzlich gilt aber der Leitspruch: Junge Chöre haben ihre Lieder, ihre Sprache und ihr Publikum.

 

 

Musik ist ein Spiegel der Gesellschaft

Rolf Ströbele

Musik ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft und ihrer Strömungen. In der Renaissance gab die italienische Musik den Ton an. So populäre Stücke wie „An hellen Tagen“ von Gastoldi wurden erst von dem deutschen Komponisten Peter Cornelius im 19. Jahrhundert mit deutschem Text versehen. In den Nachkriegsjahrzehnten überrollte die von Amerika und England kommende Jazz-und Rockmusik unsere traditionelle Musikkultur, weil sie einfach vitaler war und die Jugend ansprach. Es hat wiederum Jahrzehnte gedauert, bis sich auch eine deutsche Linie speziell in diesem Genre der Chormusik entwickelte.

Auch meine jungen Sängerinnen haben schon einen Konzertbeitrag mit mehreren englischsprachigen Titeln des gleichen Genres als langweilig empfunden. Englisch ja, aber dann auch im Wechsel mit deutschen Gegenwartstiteln. Unsere Verlage haben in den letzten Jahren darauf reagiert. Man kann ja in ein solches Konzert durchaus traditionelle Literatur, von einem Gastchor gesungen, einbauen. Das ist dann für das Publikum eine Abwechslung und bei entsprechender Hinführung könnte sich auch Interesse in einem jungen Chor für diese Literatur entwickeln. Dafür eignet sich besonders die Weihnachtszeit, denn immer wieder nur Gospels zu singen könnte auch mal Abwechslung mit populären deutschen Weihnachtsliedern fordern, wie ich es schon erlebt habe.

 

Musik als Weltsprache

Joachim Schmid

„Die Leute bei ihren Hörgewohnheiten abholen“. Dies war der Urgedanke der Entstehung der ersten Jungen Chöre. Dabei spielte es keine Rolle, ob die Songs aus den aktuellen Hitparaden stammten oder der ewigen Liste der Evergreens und Oldies entnommen wurden. Hauptsache war, dass sie anders klangen als die Lieder der etablierten Chorvereinigungen und ihre musikalische Heimat in der Pop- und Rockmusik hatten. Der Mangel war, dass die passenden Arrangements noch nicht existierten. Wer nicht den Zugriff auf die bereits spezialisierten US-Verlage hatte, musste selbst zur Tat schreiten, ohne sich an Vorbildern orientieren zu können. Dies war dem wachsenden Anspruch der Jungen Chöre nicht immer dienlich. Englischsprachige Interpreten und Bands waren die Favoriten. Es ist logisch, dass auf diesem Wege die originalen Texte Einzug ins Repertoire der Chöre fanden.

Die Kunst des stilvollen und gattungsspezifischen Arrangierens breitete sich erst im Laufe der Jahre aus. Schließlich musste man sich auf dem ungewohnten Terrain erst bewegen lernen. Die Qualität der Arrangements steigerte sich, die Sprache aber blieb dieselbe.

Es gibt sicher nicht die Paradelösung, dem Vorwurf „zu viel Englisch“ zu begegnen. Zwei bereits erprobte Ansätze sollen jedoch erwähnt werden, deren Voraussetzung eine intensive Auseinandersetzung mit der Programmdramaturgie einer Aufführung ist. Man muss generell alle fremdsprachigen Stücke so in den Programmablauf integrieren (eventuell unterstützt durch Moderation), dass sie nicht als „an den Haaren herbeigezogen“ wirken.

  1. Ideal wäre es, die Zuhörer durch die rein musikalische Güte des Arrangements zu überzeugen. Die Sprache wird dann zweitrangig. Klangschönheit und Authentizität tritt in den Vordergrund. Das Ziel in der Arbeit mit Jungen Chören sollte sein, eine breite Palette an Stilen präsentieren zu können. Dies muss im Vorfeld klar angesprochen und abgeklärt werden. Antriebsfeder darf dabei nicht der Bekanntheitsgrad der einzelnen Songs, sondern die stilsichere Anwendung des Genres sein. So kann auch ein englischsprachiges Stück seinen logischen Platz in einem in sich geschlossenen Ablauf finden.
  2. Man verwendet deutschsprachige Komponisten/Arrangeure in den Programmen, die mit den Idiomen aktuell-populärer Musik vertraut sind. Einige Personen, ohne Anspruch auf Wertung und Vollständigkeit: Viola Engelbrecht, Martin Carbow, Markus Detterbeck, Uli Führe, Carsten Gerlitz; Oliver Gies, Stefan Kalmer usw. Aus deren Feder stammen nicht nur qualitätsvolle Arrangements, sondern auch Originalchorkompositionen in nichtenglischer, oft sogar deutscher Sprache. Dazu gehören u.a. Lieder, die bereits den Status eines Volksliedes erreicht haben. („Über den Wolken“, „Über sieben Brücken“ etc.)

Die Musik als Weltsprache sollte eigentlich souverän über dieser Fragestellung stehen.

Voraussetzung ist, dass ich den Text verstanden habe

Marcel Dreiling

„Singen ist die gehobene Form des Sprechens“. So leitet sich ein Melodiebogen in der Musik von dem der Sprache ab. Eine Frage bewegt sich also in der Tonhöhe nach oben, die Antwort nach unten. Der Wort-Ton-Bezug, der vor allem im Werk Bachs zu erkennen ist, versucht die Wortbedeutung durch Rhythmik, Melodik und Harmonik auszudrücken. Der Choral „Aus tiefer Not schrei ich zu Dir“ von Bach, beginnt so mit einem komplizierten, dissonanten Akkord. Für Luther ist Musik nur legitim, wenn sie das Wort lebendig macht – also Vokalmusik. Instrumentalmusik ist des Teufels: „Die bösen Fidler und Geiger … sind des Teufels“. Der heilige Augustinus (354-430)sagte: „Bis orat qui bene cantat“ – „Wer gut singt, betet zweimal“

Natürlich hat sich die Musik weiterentwickelt und reine Instrumentalformen oder nicht textgebundene Musik, etwa mit Vokalisen, haben ihre Berechtigung und ihren festen Platz. Ein homophoner Satz bietet mehr Platz und Verständlichkeit für Text. Der polyphone Satz, so ein Kanon oder eine Fuge, setzt wenig Text musikalisch so um, dass er durch die Überlagerung mehrere gleichzeitiger Texte punktuell kaum verständlich ist. Hier ist die Musik mehr im Vordergrund

In den textgebundenen Liedern und Chorsätzen ist unvermeidbar, sich mit dem Text auch kritisch auseinanderzusetzen. Diese Pflicht sehe ich neben den genannten historischen Gegebenheiten, aber auch ganz aktuell.

Wenn mir ein Schüler auf die Frage, nenne ein Volkslied, das „Horst-Wessel-Lied“ nennt oder wenn der Rapper Bushido wegen des Textes seines Hassliedes („Stress ohne Grund“) ein Verfahren der Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung bekommt, fühle ich mich als Verantwortlicher in der Pflicht. Diese Verantwortung sehe ich als Lehrer und Pädagoge, aber auch als verantwortlich denkender Demokrat. Jeder, der sich dem verschließt, handelt verantwortungslos.

Was heißt das nun für den Umgang mit den Liedtexten in unseren Chören?

Zunächst bin ich als Chorleiter gefragt, eine kritische Auswahl neben der Musik, auch der Texte zu treffen. Für mich ist Goethes „Heidenröslein“ – eine poetische Beschreibung einer Vergewaltigung – tabu. So etwas kann ich nicht singen oder singen lassen.

Was macht eine gute Komposition aus?

Ich zitiere nochmals Luther: „Die Melodie macht den Text lebendig“. Der Ausgangspunkt der Melodie ist die Sprache. Wo dies eine Melodie (durch Übernahme der Sprechmelodie), und ein Rhythmus (durch Übernahme des Sprechrhythmus) nicht macht, schaue ich kritisch hin. In dem Adventslied „O Heiland reiß den Himmel auf“ haben wir eine etablierte Ausnahme.

Was bedeutet das für die Interpretation?

Besinne ich mich immer wieder auf das Sprechen, werden kapitale Fehler, wie zum Beispiel weggeschleuderte Endsilben, vermieden. Atemstellen mitten im Wort kommen nicht mehr vor. Das Herausarbeiten der zentralen Aussage ist immer das Suchen nach dem Ziel: so ist ein Wort, gar eine Silbe, der Zielpunkt, zu dem sich ein Melodiebogen hin- und danach wegbewegt. Spannung – Entspannung: ist der eigentliche Motor der Musik.

Voraussetzung ist, dass ich den Text verstanden habe. Mit ihm verstehe ich dann auch die Musik. (Wohlgemerkt: es gibt auch neuere „Kompositionen“ die so dilettantisch gefertigt sind, dass sie keine Zusammenhänge erkennen lassen.) Habe ich als Chorleiter den Text verstanden, muss ich diesen meinen Chorsängern nahebringen: ich legitimiere meine Interpretation mit ihm und mit seiner Verständlichkeit. Dabei scheue ich mich nicht, auch deutsche Texte zu deuten und zu erklären. Gerade in Volksliedern werden so viele Bilder und Symbole eingesetzt, die es spannend machen, sie zu deuten (wie z.B. der „Myrtenkranz“ im Lied „Als wir jüngst in Regensburg waren“).

Nach der eigenen Erkenntnis und der Vermittlung an meine Sänger, möchte ich als dritten Schritt mein Publikum daran teilhaben lassen. Zunächst durch eine sinnvolle Interpretation. Aber auch ein „helfendes Wort“ (eine glückliche Formulierung meines geschätzten Vorgängers Alfons Scheirle, der den Begriff „Moderation“ kritisch hinterfragt) kann einen Auftritt bereichern.

„Pop und Poesie“ oder „Pop in concert“ sind zwei Formate unserer Rundfunkanstalten, die hier perfekt ins Bild passen. Ich war, und das als eher klassisch orientierter Musiker, zweimal im diesem Konzert. Hier werden die englischen Texte von Popsongs übersetzt und von Schauspielern vorgetragen. In vielen Fällen war mir die Bedeutung der Texte nicht klar – ich hatte mich also nicht ausreichend mit den englischen Texten beschäftigt.

In geeigneten Momenten ist so eine Übersetzung und eventuell sogar Inszenierung der zu singenden Texte sehr gut in unsere Konzerte übertragbar und wird vom Publikum dankbar angenommen. Musik hat neben der informativen Seite auch eine starke emotionale. Musik – auch Chormusik- darf auch einfach nur genossen werden. Aber eben „auch“ und nicht nur ausschließlich.

 

Und Ihre Meinung zu dem Thema?

Gerne würden wir die Meinung unserer Leser kennenlernen, die selbst zum größten Teil in unterschiedlichen Chören singen. Schreiben Sie uns einen Kommentar im Blog SINGEN UND STIMME.

Schlagwörter:
, , , , ,

Johannes Pfeffer, 1. Dez 2013, Aus der Geschäftsstelle, Chorliteratur / Medien, Chorpraxis, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

© 2018- Singen-und-Stimme - Weblog des Schäbischen Chorverbandes, Fritz-Walter-Weg 19 70372 Stuttgart, Tel: 07 11 / 46 36 81Die Seite für alle Sänger und Sängerinnen - Chöre, Chorvereine, Chorverbände - Kontakt - Impressum - Datenschutz buetefisch marketing & kommunikation & agentur einfachpersönlich