Begeisterung entsteht, wenn sie ihre eigenen Ideen umsetzen können

Interview mit Sandra Brackmann, scheidende stellv. Bundesvorsitzende der Deutschen Chorjugend

Wie bist du damals zur Deutschen Chorjugend gekommen?

Ich wurde im Sommer 1999 von Hermann Sorg angesprochen, ob ich nicht am ersten Treffen des Jugendforums fit for top der Deutschen Chorjugend (DCJ) im November teilnehmen wollte. Wir waren gemeinsam im Vorstand der Chorjugend des Eugen-Jaekle-Chorverbandes, damals noch Eugen-Jaekle-Gau, aktiv und er auch im Vorstand der Deutschen Chorjugend, damals noch Chorjugend im Deutschen Sängerbund.

Er hat mich motiviert zum Jugendforum fit for top zu gehen. Da begann sozusagen meine „Laufbahn“ auf Bundesebene. Die Teilnehmer des Jugendforums wurden durch Beteiligung an verschiedenen Projekten und Aktionen aktiv in die Arbeit des Vorstandes der DCJ eingebunden, um somit Erfahrungen und Fähigkeiten auszubauen, im Ehrenamt aktiv tätig sein zu können. Im März 2003 wurde ich dann mit nur 26 Jahren zur stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Chorjugend gewählt.

Welche Rolle spielte die Mentorenausbildung des Schwäbischen Chorverbandes?

Diese habe ich als erste „nicht Schülerin“ im Frühjahr 1999 absolviert. Das war damals ein heißes Thema, dass jemand, der nicht mehr in die Schule geht, diese Ausbildung machen will. Beim ersten Versuch die Ausbildung zu absolvieren erhielt ich also auch prompt eine Absage. Da ich mich aber nicht habe abschütteln lassen, habe ich es wieder versucht und mit der Unterstützung meines Vereins und des Landesverbandes geschafft, zugelassen zu werden.

Durch die Ausbildung zur Musikmentorin konnte ich auf der musikalischen Schiene mehr Erfahrung und Wissen sammeln und mein vorhandenes Wissen über das Organisieren und Durchführen von Veranstaltungen mit dem eigenen Chor intensivieren. Somit war die Ausbildung eine wichtige Grundlage für meine weiteren Tätigkeiten im Verband.

Wie hat sich der Verband seit dem gewandelt?

Die Veränderung in den Verbänden hat sehr viel mit der Weiterentwicklung und Veränderung der Gesellschaft zu tun. War früher der Chor oder die Musikkapelle das Highlight der Woche, auch zur Pflege des gesellschaftlichen Kontaktes, ist es heute ein Hobby zwischen vielen, das manche mehr und andere weniger pflegen. Der Wandel der Gesellschaft geht auch an den Verbänden nicht vorbei, und so versuchen die Verbände, egal ob Bundes- Landes – oder Kreisebene, moderner zu werden. Das sieht man an den Namen, aber auch in der Verwaltung bzw. im Ehrenamt. In den vergangenen 4-5 Jahren hat ein Umdenken eingesetzt und alteingesessene Dinge verändern sich. Das Umdenken macht z. B. einen jüngeren Vorstand möglich, oder dass vielen Aufgaben in der Chorarbeit von einem Team erledigt werden.

Was waren für dich wichtige Meilensteine der Arbeit?

Ein wichtiger erster Meilenstein war sicherlich, dass ich im Sommer 1988 im Kinder- und Jugendchor des Gesangsverein Liederkranz Fachsenfeld anfing zu singen. Mein damaliger Vorsitzender Eberhard Looser hat mich in die Vereinsarbeit integriert und so wurde ich Jugendleiterin im Verein und eben dann auf Kreis und Bundesebene Mitglied im Jugendvorstand.

Im Bundesvorstand war ich Projektleiterin für das Jugendforum fit for top und habe zwei Chorvisionen mit organisiert. Insbesondere der Tag der Jungen Stimmen zum 10-jährigen Jubiläum der DCJ 2005 ist mir noch gut in Erinnerung. 2008 konnten wir glücklicherweise mit Anna Wiebe eine Bildungsreferentin einstellen, die sich hauptamtlich um das Thema Jugendpflege kümmert. Eine sehr wichtige Entwicklung in den Bestrebungen einer eigenständigen Jugendpolitik des Verbandes.

Ein trauriger Einschnitt war der tragische Unfalltod des Vorsitzenden Hermann Olberding. Hermann Sorg und ich waren plötzlich gezwungen, die Führung der Deutschen Chorjugend zu übernehmen. Im darauffolgenden Jahr haben wir den Vorstand der Deutschen Chorjugend völlig neu strukturiert, was ein großer Kraftakt war. Mit der Wahl von Robert Göstl als Vorsitzenden begann eine neue Zeit, in der sich auch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Chorverband intensiviert hat.

Und immer wieder waren es wichtige Menschen, die so eine Zeit prägen. Neben dem zu Beginn genannten Vorsitzenden des Liederkranzes waren das in der Mentorenausbildung Irmgard Naumann und Gerhard Werz. Der längste und intensivste Weggefährte war Hermann Sorg, dazu kamen Hermann Olberding und Ulrich Buschkühler. Diese Herren haben mich begeistert, und waren bereit mir Aufgaben anzuvertrauen, auch wenn die Kombination aus jungen und erfahrenen Menschen immer Diskussionen und aufeinander zugehen bedeutet. Sie waren es auch, die mich zur Kandidatur für den neuen Vorstandes der DCJ im März 2003 bewegt haben. Hermann Olberding und Ulrich Buschkühler haben einen besonderen Stellenwert in meiner Arbeit, weil sie beide bereits verstorben sind und das eine besondere Wirkung hinterlässt.

Welche Herausforderungen bieten sich einem bundesweiten Jugendverband heute?

Die Jugendverbände müssen am Puls der Zeit bleiben! Viele Termine finden immer kurzfristiger und zentral in Berlin oder Bonn statt. Hier gilt es trotz Größe des Verbandes flexibel zu sein. Ich glaube, dass es schwieriger wird, junge Menschen für das Ehrenamt zu begeistern. Hier gilt es, dieses interessant zu gestalten, dass junge Leute Interesse und Lust haben, mit wirken zu wollen und ihre Ideen und Wünsche einbringen wollen.

Eine weitere Herausforderung für Chorverbände ist es, das Singen mit Kindern wieder überall dort zu platzieren, wo es hin gehört. In der Ausbildung der Erzieher/innen und Lehrer/innen und in den Musikschulen. Es ist so wichtig, für das Singen mit Kindern richtig gut ausgebildete Leute zu haben, die die Kinder zum Singen motivieren. Hier müssen die Verbände endlich einheitliche Ausbildungsstandards für die Ausbildung in der Chorarbeit entwerfen und gegenseitig anerkennen.

Was sind für dich die zentralen Aufgaben für Vereine heute?

Auch hier ganz klar das Singen mit Kindern. Wir dürfen uns aber auch nicht dem gesellschaftlichen Wandel verschließen. Daher gehören auch Modelle zum Singen mit Senioren oder generationsübergreifende Projekte in das Bewusstsein eines Vereins. Chorarbeit kann wunderbare Begegnungen ermöglichen, wenn wir Kooperationen eingehen. Kooperationen mit anderen Vereinen, Schulen und anderen Institutionen. Wenn wir offen sind für Chorarbeit mit anderen Kulturen und Menschen mit und ohne Behinderung. Dadurch können die Chöre auch heute immer wieder vielen Menschen das Singen ermöglichen und sie dazu begeistern.

Wie kann man dann jungen Menschen für das Engagement in Verbänden vorbereiten und begeistern?

Indem man sie – ganz bildlich gesprochen – stetig und immer wieder an der Hand nimmt, sie für Aufgaben begeistert und sie beteiligt. Sie müssen an der Arbeit beteiligt werden und eigene Entscheidungen treffen dürfen. Ich glaube und habe auch die Erfahrung gemacht, dass eine Begeisterung von jungen Leuten dann entsteht, wenn sie ihre eigenen Ideen und Vorschläge einbringen und umsetzbar gestalten können und dazu noch ernst genommen werden. Dann findet eine echte Beteiligung junger Menschen an der Zukunft der Chorverbände statt, die mit ihren Ideen und Fähigkeiten die Zukunft der Verbände gestalten können.

Du willst dich mehr Deiner Familie widmen. Muss Ehrenamt in Chorverbänden sich ändern, um familienfreundlicher zu sein?

Schwierig zu sagen, was sich da ändern müsste. Tatsache ist: Wer auf Kreis, Landes oder Bundesebene aktiv sein will, muss der Typ Mensch dazu sein. Er muss von dem was er machen will überzeugt sein und es mit einem starken Willen verfolgen. Es geht wirklich viel, und man kann „fast alles“ organisieren, wenn man es will. Aber ohne die Unterstützung des Umfeldes, in meinem Beispiel meine Mutter (von Anfang an) und mein Mann Axel, hätte ich die Arbeit auf Bundesebene, aber auch die anderen ehrenamtlichen Aufgaben, nicht bis heute in diesem Umfang leisten können. Und es ist unglaublich wichtig, seine Ressourcen einzuteilen. Auf allen Ebenen der Chorjugendarbeit ein gutes Ehrenamt ausfüllen zu wollen ist nicht realistisch. Man sollte sich auf 1-2 Aufgaben konzentrieren und die dafür zu 100% erfüllen… alles andere macht einen persönlich unzufrieden.

Erlaube mir schließlich noch die Frage, wann wird bei euch zu Hause gesungen?

Fast jeden Tag seit mein Sohnemann viele Kinderlieder aus dem Kindergarten mit nach Hause bringt. Auch davor hat es hin und wieder mal ein Lied gegeben. In der Familie wird zu Weihnachten noch gesungen oder mal zu einem Geburtstag. Ich selbst singe jede Woche einmal im Frauenchor meines Heimat-Liederkranzes und versuche dort, die Begeisterung für das Singen weiterzugeben.

Das Interview führte der Kulturmanager und Redakteur dieses Blogs Johannes Pfeffer.

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