Mehr Musik in die Schule, sonst habt Ihr das Leben nicht verstanden!

SchindlerWolfgang Layer im Gespräch mit dem Komponisten Peter Schindler

SINGEN: Es gibt in der Musik den Begriff der „Gebrauchsmusik“. Der Schwäbische Chorverband, als er noch Schwäbischer Sängerbund war, hatte eine eigene Veranstaltungsreihe mit eben jenem Titel „chorische Gebrauchsmusik“. Was einen im ersten Moment vielleicht stört, verliert bei näherem Hinsehen sein „G’schmäckle“, seinen handwerklichen Geruch statt Kunst. Wie sehen Sie das?

Peter Schindler: Bachs Goldbergvariationen wurden der Anekdote nach zum Einschlafen gebraucht, seine Kantaten hat er ja wohl auch zum Gebrauch geschrieben, oder? Wer etwas schreibt oder komponiert, will gelesen oder aufgeführt werden, sprich gebraucht werden. Alles andere wäre Unsinn. Wer will denn für die Schublade schreiben? Und, was wäre denn das Gegenteil von Gebrauchsmusik? Nicht zu gebrauchende Musik? Wer je bei einer Versammlung von Komponisten war, erfährt erst den ganzen Umfang, wofür Musik überhaupt gebraucht werden kann. Also beerdigen wir diesen Begriff ganz schnell und endgültig!

SINGEN: Auch bei Mozart ist ja nicht alles KV 550 und Schumanns „Kinderszenen“ sind mit Sicherheit keine pianistische Gebrauchsmusik. Die von mir gemeinte Musik ist oft noch etwas ganz anderes, sie versucht pädagogisch zu sein. Ihre in diesem Jahr erschienene „Missa secunda“ ist für mich so ein Werk mit pädagogischen Ambitionen. Sie ist modular aufgebaut, d.h. man kann sie mit Orgel, mit Bläserquintett, mit zusätzlicher Oberstimme singen oder eben nicht. Das bedeutet natürlich auch, dass der Komponist seinen Ideenfluss beim Komponieren in bestimmte Bahnen lenken muss. Last oder Lust?

Peter Schindler: Mit dem Wort pädagogischen Ambitionen in der Musik kann ich nichts anfangen. Das klingt wie pädagogisches Essen oder pädagogische Blumen. Das gibt es auch nicht. Ich schreibe weder Musik als Anleitung zum Zähneputzen noch wie man sich bei Tisch verhalten soll. Bei solcherart gut gemeinten Songs krieg ich eine Allergie. Man soll Botschaften immer so vermitteln, dass man sie annehmen kann oder auch getrost ablehnen darf.

Bei der Missa secunda war es ganz einfach. Ich schrieb zuerst an einem Samstag eine kleine Messe für Solostimme und Orgel. Vier Wochen später hab ich gedacht: setz es vierstimmig aus, dann kann man es auch mit einem Chor aufführen. Und weitere Wochen später dachte ich: Jetzt noch eine Oberstimme, dann hast du oben eine Ebene dazu, Pauken und Bläser machen auch was her, fertig. Leider sind solche Ideen immer schnell geboren, die Umsetzung und vor allem die Vorbereitung des Drucks, das ist so zeitaufwändig. Aber um eines klar zu sagen: Komponieren ist immer Lust. Pure, reine Lust. Immer, immer, immer.

SINGEN: Sie betonen im Vorwort zu dieser Messe: „Das Neben- und Miteinander der verschiedensten Stile sowie eine Rückbesinnung auf alte Traditionen ist das Merkmal der neuen Vertonungen im 20. und 21. Jahrhundert. In diesem Sinne reiht sich das vorliegende Werk ein.“ Jetzt sind wir beim Stil des Komponisten Peter Schindler gelandet. Wohin mit dem Schindler? Stilmix statt Stil? Genügt Ihnen der Griff ins musikalische Supermarktregal auf die Dauer?

Peter Schindler: Ich krieg nun mal bei vielerlei Musik eine Gänsehaut. Da sind fast alle Genres dabei, von der Modalzeit der Notre-Dame Epoche bis zum Rockjazz mit Fender Rhodes und E-Gitarre. Wenn es mich berührt, ist es gut. Als Organist und Pianist habe ich querbeet alles und überall gespielt. Frescobaldi und Schönberg, Bach, Scarlatti und Mozart, Widor, Gershwin und Bartok, das Great American Songbook ebenso wie die Winterreise. Frommes, heiteres und schlüpfriges Liedgut. Und viel, viel Kirchen- und Theatermusik.

Und jetzt soll ich so tun, als wenn das keine Spuren in mir hinterlassen hätte? Das ist unmöglich. Also greif ich bewusst zu und lass die ganze Musikgeschichte in meinem Kopf kreisen. Je nach Situation, je nach Textvorlage, je nach Ort und Ensemble entsteht dann intuitiv die Komposition, gefärbt mit der einen oder anderen Tinktur.

Das künstlerische Ziel bleibt, die Musik so zu komponieren, dass die Linien ineinander fließen und es kein Stückwerk wird. Brüche müssen entweder bewusst gesetzt werden oder man darf sie nicht bemerken. Außerdem steht schon im Buch Kohelet: Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.

SINGEN: Welche Bedeutung hatte für Sie und Ihr Schaffen seinerzeit die Entscheidung für Berlin als Wohnort?

Peter Schindler: Überhaupt keine. Ich hab so viele Ideen im Kopf gesammelt, die ich hoffe, noch umsetzen zu können, es ist völlig egal, wo das passiert. In Berlin habe ich Geschichte gesucht und erfahren. Es ist ein großartiges Gefühl, in dieser Stadt kein Tourist zu sein und sich zu ungewöhnlichen Uhrzeiten an leere Plätze zu begeben, die sonst voll sind. Die letzten dreihundert Jahre deutscher Geschichte sind ohne Berlin nicht denkbar, und diese Zusammenhänge erschließen sich einem nur vor Ort. Mühelos, ohne Buch und Geschichtsunterricht. So als Schwarzwaldwessi, immer nur den automobilverwöhnten Süden als Selbstverständlichkeit im Rücken, da lernt man hier einfach noch andere Seiten des Lebens kennen. Eigentlich bin ich als Kulturbotschafter zwischen Baden-Württemberg und Berlin tätig. Da ich noch oft und gern im Süden bin, erzähl ich dort unten immer, wie schön es hier oben ist und den Berlinern empfehle ich, unbedingt mal ins Ländle zu fahren. Ach, wir wissen viel zu wenig voneinander!

SINGEN: In meiner Studienzeit hatten junge Komponisten an der Musikhochschule das Bedürfnis, irgendwann einmal in Donaueschingen wahrgenommen zu werden? Wie war bzw. ist das bei Ihnen?

Peter Schindler: Ich bin mehrfach und gern als Zuhörer bei den Donaueschinger Musiktagen gewesen. Ende der 70er, Anfang der 80er. Da gab es auch Jazz, moderiert von J. E. Berendt. An ein Konzert mit Kühen erinnere ich mich auch. Das fand in einer Mischung aus Konzertsaal und Kuhstall statt. Und bei Helmut Lachenmanns Uraufführung seiner Tanzsuite mit Deutschlandlied war ich dabei. Ich mochte das, auch die ganze Atmosphäre dort. Aber ich habe nie mit meinem Schaffen auf bestimmte Dinge gezielt. Es kommt, wie es kommt. Ich hatte viele Auftritte mit meiner Gruppe Saltacello in Seoul mit dem Koreanischen Nationaltheater, wir waren in Shanghai zu Konzerten und meine Missa in Jazz wurde in Amerika und halb Europa hundert Male gespielt, also da hab ich keinerlei Defizite!

Mit meinen Musicals gelingt es oft, eine halbe Stadt in Bewegung zu setzen. Berufstätige Väter bauen am Wochenende Bühnenbilder, Mütter schneidern wochenlang Kostüme, Sponsoren springen auf, kreative Energien werden auf allen Ebenen geweckt und alle Mitwirkenden, ob groß oder klein, zu Höchstleistungen angespornt. Alle, die bei solchen Produktionen vor, hinter und auf der Bühne dabei waren, werden diese gute Erinnerung ihr Leben lang behalten, denn sie wurden vom Theatervirus angesteckt. Das ist mir sehr viel wert.

Ich nutze die Gelegenheit und möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die es immer wieder schaffen, trotz aller Umstände eine solche Aufführung zu meistern. Und der Politik deutlich sagen: WEHE, Ihr kürzt weiterhin die musischen Fächer! Mehr Musik in die Schule, sonst habt Ihr das Leben nicht verstanden, Ihr da, die Ihr immer wieder gewählt werden möchtet!

SINGEN: Ich nehme mal die bisher dickste, schwerste und umfangreichste Partitur zur Hand: die szenische Kantate „Sonne, Mond und Sterne“, erschienen vor zwei Jahren. Das war ein Kompositionsauftrag der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart. Gab es für diesen Auftrag bestimmte Vorgaben bzw. wie lautet so ein Auftrag?

Peter Schindler: Nein gab es nicht, ich hatte völlig freie Hand, und das war wunderbar. Meine Ideen für dieses Werk hatte ich ja schon vorher beieinander. Im Vordergrund unserer Zusammenarbeit stand nur die Idee, gemäß dem Namensgeber der Akademie neue Lieder zu schaffen. Alles andere blieb mir überlassen.

SINGEN: Im Hinterkopf des Komponisten existierte für diese Kantate ein pädagogisches Sujet, geeignet für interdisziplinäre Arbeiten in der Schule (Deutsch, Musik, Religion, Geschichte, Ethik). Eine Aufführung ist in unterschiedlichsten Besetzungen möglich bis hin zum Orchester. Wie kam es zu der Idee, zu der Geschichte über Liebe, Sehnsucht, Leidenschaft, Traum und Zeit, Leben und Sterben?

Peter Schindler: „Sonne Mond und Sterne“ kann man zwar in der Schule für die oben genannten Fächer zur Vertiefung benutzen, muss man aber nicht! Man tanzt ja auch mittlerweile zur Matthäuspassion. Deshalb ist das Stück aber genuin kein Ballett!

Begonnen hat alles mit meinem Lieblingsdichter Eduard Mörike, dessen Gedichte ich um das Jahr 2002 angefangen habe zu vertonen. Als ich merkte, dass diese Vertonungen dem Publikum gefielen, suchte ich weitere Gedichte, die zeitlos sind. Fündig wurde ich natürlich in der einmaligen Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ aber auch in großen Anthologien und im digitalen Netz. Dann hatte ich so um die 150 Gedichte in der Vorauswahl. Während meiner Theaterzeit als musikalischer Leiter in Esslingen und Stuttgart habe ich gelernt, musikdramaturgische Liederabende zusammenzustellen. Diese Erfahrung kam mir bei „Sonne, Mond und Sterne“ zugute. Also fasste ich die Gedichte nach Themen zusammen und verband sie durch einen dramaturgischen Faden. Zum Schluss blieben 40 Gedichte übrig, die ich zum Teil stark gekürzt oder umgestellt habe oder sogar miteinander verwoben habe. Jedes Wort ist original, nichts wurde hinzugefügt. Ich habe nur durch Aneinanderreihung und Gegenüberstellung ein Libretto daraus gemacht, das man wunderbar szenisch umsetzen kann. Und bei der Auseinandersetzung mit den Gedichten und der daraus entstandenen Geschichte war mir klar, dass es nur zwei große Themen gibt: die Liebe und den Tod.

Was dann noch blieb, war die Aufgabe, mit Respekt an die Worte zu gehen, aber nicht in Ehrfurcht zu vergehen. Ich hab ja auch Eichendorffs Mondnacht mit Vergnügen nochmals vertont. Das war für manche schon ein Sakrileg. Ich frage mich: Darf man zwei Jahrhunderte nachdem das Gedicht geschrieben wurde, nicht eine Neuvertonung wagen?

In einer Tonsprache von heute, mit jazzigen Chords, mit pulsierendem Schlagzeug und knackigen Bläsersätzen werden diese Gedichte so nah an die Zuhörer gerückt, dass viele verwundert sind, dass sie schon so alt sein sollen. Sie staunen über sich selber und verändern ihren Blickwinkel auf heute. Das wärmt mein Herz und lohnt die ganze Arbeit!

SINGEN: Da Sie ja enge Beziehungen zur Amateurszene haben, gibt es beim Komponieren sicher auch Überlegungen zum Thema „Wer soll, wer kann was spielen?“ Besetzungstechnisch lösen Sie diesen Aspekt, wie bereits erwähnt, rein modular. Wie sieht es mit sonstigen Einschränkungen aus, also Thema Schere im Kopf?

Peter Schindler: Ein Fünfjähriger kann alles essen und trinken, was ein Erwachsener auch kann, bis vielleicht auf Wodka und Chilischoten. Warum soll ich also beim Kochen beziehungsweise beim Komponieren Einschränkungen hinnehmen? Und wenn doch, dann am ehesten intuitiv und nicht vorsätzlich. Man soll sein Publikum niemals unterschätzen.

SINGEN: Sie widmen Ihrer Kantate „Sonne, Mond und Sterne“, der „Missa secunda“ und Ihrer „Missa in Jazz“ im Choratelier des Carus-Verlags am Mittwoch, 29.10.2014, 16–18 Uhr eine eigene Reading Session. Was erwartet die Teilnehmer?

Peter Schindler: 100% Peter Schindler pur. Ich sitze oder stehe vor dem Klavier. Ich singe. Ich gestikuliere. Ich erkläre, ich fordere zum Mitmachen auf und pack mein Innerstes aus, lege den Zuhörern meine Seele zu Füßen. Denn eigentlich bin ich eine Rampensau und liebe die Bühne. Ich komme nur leider momentan so selten dazu, weil das Schreiben und Editieren so viel Zeit erfordert.

SINGEN: Vielen Dank für das Gespräch, das vor allem dazu diente, den Komponisten Peter Schindler ein wenig kennenzulernen.

Wolfgang Layer, 30. Sep 2014, Chorliteratur / Medien, Chorpraxis, Singen und Stimme, Themen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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