Dr. Michael Fuchs, Leipzig: Wie wichtig ist Einsingen für den Stimmphysiologen?
Sport und Singen
Kein Sportler würde auf die Idee kommen, ein Training oder gar einen Wettkampf zu beginnen, ohne sich vorher aufzuwärmen und die Muskulatur vorzubereiten. Ansonsten würde er nicht nur schlechtere sportliche Leistungen riskieren, sondern auch eine Verletzung. Auch ein Sänger belastet seinen Stimmapparat beim Singen vergleichbar dem Körper des Sportlers. Nicht selten grenzt die Intensität und Dauer des Singens gerade in Zeiten mit vielen Proben und Auftritten an Hochleistungssport.
Fast alles Muskeln
Der menschliche Stimmapparat, der außer dem Kehlkopf mit den Stimmlippen auch die Atmungsorgane und die so genannten Ansatzräume umfasst, besteht zum großen Teil aus Muskulatur und Bindegewebe: Das Zwerchfell stellt den größten Einatmungs-Muskel dar, dazu sind bei der Atmung auch die Bauchmuskeln und die Zwischenrippenmuskeln aktiv. Am Kehlkopf selbst findet eine diffizile Wechselwirkung zwischen den einzelnen inneren und den äußeren Kehlkopfmuskeln am Hals statt. Und schließlich sind in den Ansatzräumen für eine optimale Klangbildung zum Beispiel die Muskeln des Gaumensegels, der Zunge und der Lippen von großer Bedeutung. Natürlich ist diese Muskulatur auch beim spontanen Atmen, beim Schlucken und beim Sprechen fast den ganzen Tag aktiv. Beim Singen ist es aber erforderlich, die Aktivität dieser gesamten Muskulatur feiner aufeinander abzustimmen. Sie nimmt beim Singen andere, zum Teil konstantere Spannungszustände ein.
Schleimdrüsen und Schleimhäute
Auch die Schleimhäute und das Epithel der Stimmlippen wollen auf die bevorstehende Belastung vorbereitet sein. Aufliegender zäher Schleim wird vorsichtig zum Schwingen gebracht und kann abgeschluckt werden. Dagegen sollte insbesondere kräftiges Räuspern unbedingt vermieden werden, da es eine mechanische Belastung für das empfindliche Stimmlippenepithel darstellt. Zugleich werden durch das Einsingen die Schleimdrüsen angeregt, Feuchtigkeit zu produzieren und sie wie einen Film schützend über die Schleimhaut auszubreiten. Denn beim Singen bestünde sonst durch den verstärkten Luftstrom die Gefahr der Austrocknung.
Schaltzentrale Gehirn
Ein weiterer wichtiger Aspekt besteht in der auditiven und zentralen Steuerung unseres Stimmapparates: Auch die Hörkontrolle und die Nervenaktivität müssen erst aus dem „Alltagsbetrieb“ auf das Singen umgestellt werden. Das gilt umso mehr, wenn man gemeinsam mit anderen musizieren will. Hier ist das Einsingen auch auditives Training, sozusagen ein „Einhören“. Die Sensibilität für das gemeinsame Singen, die Intonationssicherheit und auch das gestalterische aufeinander Hören können in den Minuten vor eine Probe oder einem Konzert vorbereitet werden.
Viele Ausreden
Leider sehen das viele Sänger und Sängerinnen, aber auch Chorleiter insbesondere im Laien- und halbprofessionellen Bereich nicht mit ausreichender Ernsthaftigkeit, so dass ein Einsingen oft halbherzig und wenig effektiv gestaltet wird oder gar nicht erst stattfindet. Meinungen wie „Ich habe schon den ganzen Tag geredet, meine Stimme sitzt!“ oder „Wir sind keine Profis, ein Einsingen brauchen wir nicht.“ sind leider nicht selten, führen sich aber aufgrund des oben Genannten ad absurdum.
Einsingen wie und wo ?
Generell kann ein Einsingen individuell oder chorisch (auch in kleineren Gruppen, z.B. den Stimmgruppen) erfolgen. Gerade bei Chorsängern scheitert das individuelle Einsingen am Proben-/Konzertort oft an den räumlichen Möglichkeiten.
Ein Einsingen alleine zu Hause ist zwar begrüßenswert, aber in praxi aufgrund der Anreisewege doch eher selten. Zu warnen ist vor dem Einsingen im Auto. Aufgrund der besonderen akustischen Verhältnisse mit nur kurzen Abständen des Sängers zu den schallreflektierenden Scheiben und mit Störgeräuschen des Motors wird die eigene stimmliche Leistung schnell überschätzt und die Stimme eher überfordert. Die aus stimmphysiologischer Sicht sehr geeignete Version ist das chorische Einsingen durch den Chorleiter oder Stimmbildner. Es gehört genauso zur Probe oder zum Konzert, setzt also voraus, dass alle Chorsänger pünktlich erscheinen und auch für die Vorbereitung vorbereitet sind.
Effektivität des Einsingens
Ob ein Einsingen effektiv und auf die bevorstehende Stimmbelastung ideal vorbereitend ist, hängt nicht zuletzt von seiner Qualität ab. Das eigene Einsingen der Stimme und insbesondere die Leitung eines chorischen Einsingens wollen gelernt sein. Zahlreiche wertvolle praktische Anregungen und methodische Grundlagen sind in der gesangspädagogischen Literatur verfügbar. Es hat sich bewährt, mit Bewegungs- und Atemübungen zu beginnen, um die Teilnehmer aus ihren unterschiedlichen Ausgangssituationen am Beginn des Einsingens „abzuholen“. Aus stimmphysiologischer Sicht sind Summ- und Kauübungen mit lockerem Unterkiefer empfehlenswert, bevor man zu Vokalisen in angenehmer Mittellage übergeht. Bei der Erweiterung des Tonhöhenumfangs der Übungen sollte auf die unterschiedlichen Voraussetzungen der einzelnen Stimmgruppen geachtet werden. Und schließlich lassen sich häufig Elemente (markante rhythmische und/oder melodische Passagen) der gerade geprobten/aufgeführten Chorliteratur in die Übungen einbinden. Die Elemente können und sollten aufeinander aufbauend verwendet werden, also auch bei melodischen Übungen sind Lockerungsbewegungen und eine bewusste Atemführung weiterhin nötig. Dieser Aufbau eines Einsingens stellt natürlich nur ein mögliches Gerüst dar, er ist aber unter stimmhygienischen Aspekten sinnvoll.
Gefahren für die Stimme
Aus dem Dargestellten ergeben sich auch die Gefahren für eine nicht eingesungene Stimme: Die ungenügende oder fehlende Vorbereitung der Gewebe und der Feinsteuerung können schnell zu einer Überlastung und somit zur Einschränkung der stimmlichen Qualität und Leistungsfähigkeit führen. Auch hier besteht beim Chorgesang eine besondere Situation: Durch die verminderte auditive Eigenkontrolle (und auch wegen der eingeschränkten Kontrolle einer jeden einzelnen Stimme durch das erfahrene Chorleiterohr) greifen die Regulierungs- und Schutzmechanismen nur bedingt. Die Folge sind eingeschränkte stimmliche Flexibilität, Detonieren, Missempfindungen und Anstrengungsgefühle beim Singen und schließlich eine Unzufriedenheit über die eigene sängerische Leistung oder längerfristige Stimmprobleme.
Einsingen lohnt sich wirklich!
Letztlich kann der Phoniater ein gutes und intensives Einsingen nur wärmstens empfehlen: Außer der verbesserten stimmlichen Voraussetzung wird auch die stimmliche Ausdrucksfähigkeit und die Freude am Singen gesteigert – alles Argumente, die die Investition vor dem Proben und Singen auf der Bühne mehr als rechtfertigen. Und das gilt übrigens vom Kinder- und Jugendchor über das gesamte „Sängerleben“ bis zum gemeinsamen Singen im höheren Alter.
Was ist wichtig beim Einsingen?
Alle Argumente auf einen Blick
- Aufwärmen der Stimme („Warm up“):dabei nach Möglichkeit immer wieder durch die Nase einatmen. Das wärmt die Luft, reinigt sie und verhindert Trockenheit im Hals.
- Muskuläre Feinabstimmung zwischen Zwerchfell, Bauchmuskeln, Zwischenrippenmuskeln und Kehlkopfmuskeln
- Ausdauer, Belastbarkeit: Eine eingesungene Stimme „versingt“ sich nicht so leicht und hält auch lange Proben durch.
- Schutz vor Stimmschäden: Der größte Teil von Stimmschäden kommt durch „unsachgemäße Behandlung“ zustande.
- Kraft: Ein gesundes, sattes und wohlklingendes „forte“ braucht Vorbereitung durch Einsingen
- Intonation beruht auf der Wechselwirkung zwischen Stimme und Gehör. Ohne Einsingen fehlt das Gefühl für diese permanente Interaktion.
- Bewegung, Gymnastik: ohne Lockerheit des Körpers keine Lockerheit der Stimme, kein Rhythmusgefühl
- Atem: ohne Einsingen atemlos! Einatmen ist kein Kraftakt, sondern Nachströmenlassen von Luft. Dieser Vorgang muss immer wieder in Gang gesetzt werden.
- Resonanz hat mit allen Klangräumen des Körpers zu tun. Wie soll man diese ohne Einsingen finden?
- Vokalausgleich und Sprache setzen Lockerheit der Lippen und aller Gesichtsmuskeln voraus, die beim Einsingen trainiert werden.
Quelle: SINGEN 01/2008, Seite 6f




(1 Bewertung(en), Beitrag mit 5,00 von 5)Autor: Wolfgang Layer
Geschrieben am 8. Jan 2008 16:42, Rubrik: Singen und Stimme,
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Sehr geehrter Her Dr. Fuchs,
vielen Dank für Ihren Artikel.
Ich habe einen Hinweis auf diesen Artikel, den ich Beim SSB gefunden habe, auf unsere Homepage gesetzt.
Viele Grüße aus Maulbronn
Wolfgang Radke
Webmaster “Eintracht” Schmie
Sehr geehrter Herr Dr. Fuchs!
Vielen herzlichen Dank für Ihren wertvollen Artikel. Eine Frage hat uns im Chor immer mal wieder bewegt: Manche Sänger hören den Nachhall nach einem Fortissimo-Ende merkwürdigerweise in der Tonhöhe verändert, d.h. fast um einen Halbton tiefer. Ist da der Chor am Schluss in der Stimmung abgesunken? Handelt es sich um eine Täuschung des menschlichen Ohres oder Gehirns? Über eine fachkundige Antwort würde ich mich sehr freuen!
Dr. Maier, Schwäbisch Gmünd
Hallo Herr Dr. Fuchs!
Ich bin ein 17-jähriges, musikbegeistertes Mädchen, das es liebt, zu singen. Ich war immer sehr stolz auf meine Stimme, vor allem weil ich es schaffte, immer höher zu singen, bis ich irgendwann das hohe C geschafft hatte. Da ich aber bereits 2 Musikinstrumente spiele, ist es mir finanziell nicht möglich, auch Gesangsunterricht zu nehmen. Ich hatte in letzter Zeit immer das Gefühl, dass mein Gesang immer schlechter wurde, es wurde immer anstrengender und ich habe ganze zwei Noten meines Umfangs eingebüßt. Ich wurde immer deprimierender und dachte, dass ich überhaupt nicht singen kann, weil ich mich auch ständig versang.
Dann habe ich Ihren Artikel gefunden und ich danke Ihnen dafür! Ich wusste vorher nicht, wie viel das Einsingen vorher bringt und wie wichtig das ist.
Ich hoffe, dass ich den Schaden, den ich meiner Stimme angetan habe, wieder gutmachen kann und werde jetzt eine Möglichkeit suchen, mich vorher immer richtig einzusingen.
Nochmal vielen Dank für Ihren Artikel!!
Sie haben mir sehr viel geholfen und ich werde weiter mein Bestes geben!
Mit ganz freundlichen Grüßen,
Sammy Giataganas