Was ist mir mein Verein wert?
Ja, es gibt sie noch immer, die Vereine ohne Mitgliedsbeitrag. Früher waren sie stolz darauf. Heute denken sie oft darüber nach, warum gerade sie vom Mitgliederschwund am meisten betroffen sind, wo doch alles etwas kostet, nur das Singen nicht. Wir wollen es ihnen sagen. Der Ausgangspunkt für unsere Berechnung sind 40 Chorproben pro Jahr plus 3 Auftritte.
Ihre Aufwendungen für eine Chorprobe entsprechen folgendem Konsumgut, wenn der Mitgliedsbeitrag Ihres Vereins die genannte Höhe hat:
einer einzelne Zigarette 0,24 EUR bei einem Jahresbeitrag von 10,32 EUR
einer Pfandflasche 1,5 l 0,25 EUR bei einem Jahresbeitrag von 10,75 EUR
einer Rolle Klopapier 0,32 EUR bei einem Jahresbeitrag von 13,76 EUR
einem Fruchtjoghurt 0,40 EUR bei einem Jahresbeitrag von 17,20 EUR
einer Bildzeitung 0,50 EUR bei einem Jahresbeitrag von 21,50 EUR
einem Schokoriegel 0,60 EUR bei einem Jahresbeitrag von 25,80 EUR
einer Butterbrezel 0,80 EUR bei einem Jahresbeitrag von 34,40 EUR
einer Flasche O-Saft 0,99 EUR bei einem Jahresbeitrag von 42,57 EUR
einem Liter Benzin super 1,35 EUR bei einem Jahresbeitrag von 58,05 EUR
250 Gramm Butter 1,40 EUR bei einem Jahresbeitrag von 60,20 EUR
einwm Glas Bier vom Fass 2,20 EUR bei einem Jahresbeitrag von 94,60 EUR
750 Gramm Brot 2,50 EUR bei einem Jahresbeitrag von 107,50 EUR
einem Glas Wein 3,00 EUR bei einem Jahresbeitrag von 129,00 EUR
einer Packung Zigaretten 3,80 EUR bei einem Jahresbeitrag von 163,40 EUR
einem Schnitzel mit Salat 6,00 EUR bei einem Jahresbeitrag von 258,00 EUR
Wir haben unserer Aufstellung durchschnittliche Einzelpreise zugrunde
gelegt, die selbstverständlich differieren können.
Was ist mir mein Verein also wirklich wert?
Wie wenig muss man können, um singen zu dürfen? Gesangvereine werben mit „Maxispaß bei Nullahnung“, denn „Singen kann jeder“ und Notenkenntnisse sind nicht erforderlich. Im Sport wären solche Parolen absolut tödlich.
Der „Aha-Effekt“
Viele unserer Leserinnen und Leser waren erstaunt bis entsetzt, als sie diese Tabelle zum Wert bzw. Unwert einer Chorprobe in unserer Novemberausgabe gelesen hatten. Weniger als ein Schokoriegel, gerade mal so viel wie eine Pfandflasche – so sehen die Vereinbeiträge in vielen unserer Gesangvereine aus. Daraus ergibt sich folgerichtig oft eine Überbetonung der Aktivitäten zur Finanzierung der Chorleiter sowie der jährlich anfallenden allgemeinen Kosten, vom Jahresbeitrag für den Deutschen Chorverband bis zur Unfallversicherung für die eigenen Mitglieder.
Zwei Vereine – zwei Profile
Zwei Möglichkeiten, das Vereinsleben zu gestalten, haben wir geschildert. Daraus resultieren zwei Vereinsprofile, wie sie nicht unterschiedlicher sein können. Zunächst der Verein, dessen Vereinsführung auf dem Weg in die Zukunft gerne den Blick zurückwirft, zurück auf die Tradition, auf die große Zahl der Sänger, auf die hohe Zeit des deutschen Volkslieds und die Zeit der vollen Säle und Zelte. Gleichzeitig reduzieren sich die Sängerzahlen seit langem jedes Jahr um 10 Prozent und mehr. Rettung ist nicht in Sicht. Der Mitgliedsbeitrag der aktiven Mitglieder liegt bei 1,00 EUR pro Monat. Gesellige Konzerte und Veranstaltungen innerhalb eines bestehenden Kanons bestimmen das Profil. Die Mitglieder engagieren sich nicht zuletzt im Interesse der Vereinsfinanzen bei Frühlings-, Sommer- und Herbstfesten. Es ist wichtig, dass „die Kasse stimmt“. Sie leben musikalisch vor allem von Ihrem Repertoire. Pro Jahr studieren Sie weniger als 8 neue Chorsätze ein. Der Besuch bei ihren Veranstaltungen könnte besser sein.
Profil 2 betrachtet den Traditionschor und den Verein als Basis für eine breit angelegte Singoffensive auf allen Altersstufen. Es entstehen zahlreiche Abteilungen im Verein, die das gesamte Spektrum der Chormusik abzudecken versuchen.
Der Sport vor Ort
15 Sportvereine in Baden-Württemberg haben wir „getestet“. Die Mitgliedsbeiträge sind im Internet frei zugänglich. Mehr als die Hälfte verlangt neben dem Jahresbeitrag eine Aufnahmegebühr, nahezu überall ist eine mehr oder weniger kostenintensive Ausstattung nötig, egal ob es das Fahrrad, der Tennisschläger oder die Turnschuhe sind. Und jeder kauft und keiner murrt. Markenartikel werden zum Statussymbol, während sich die Chöre nicht schämen, mit kopierten Notenblättern auf die Bühne zu marschieren.
Sport fordert, Sport formt
Regelmäßige Wettkämpfe, permanentes Training, Disziplin und Zuverlässigkeit. In unseren Chorvereinen herrscht dagegen die reinste Anarchie. Lieber zu spät als gar nicht kommen, tröstet sich der Chorleiter. „Das Einsingen spar ich mir grundsätzlich“, verkündet der 1. Bass, während er noch schnell die Tagesschau einschaltet und eine Zigarette raucht. „Wenn UEFA-Pokal läuft, geh ich grundsätzlich nicht zum Singen“, ergänzt der 2. Tenor und beschwert sich gleichzeitig über das Ungleichgewicht Sport-Gesangverein in der Tageszeitung. Mein lieber Herr Gesangverein!
Hier eine Auflistung unterschiedlicher Vereine in Baden-Württemberg mit den aktuellen Mitgliedsbeiträgen, Aufnahme- und sonstigen Kosten
Verein Sparte, Mitgliedsbeitrag p.a., Aufnahme, sonst. Kosten
Radsportverein Schwaikheim, Radsport 30,00 € , Ausrüstung
Modellfluggruppe Kressbronn, Modellsport, 30,00 € , 50,00 € Ausrüstung
Hundesportfreunde Salem, Hundesport, 35,00 €, 40,00 € Arbeitsstunden
Bogenschützenclub Markdorf, Bogenschießen, 62,00 €, Ausrüstung
SSC Tübingen, Fußball, 72,00 €, 25,00 €, Ausrüstung
Verein Ballonsportfreunde Ba-Wü, Ballonsport, 89,90 €
Tauchsportgemeinschaft Dietenheim, Tauchen, 100,00 €, 120,00 € Ausrüstung
Sportverein Fellbach, Sportverein, 102,00 €, 21,00 € Ausrüstung
TSA Illertissen-Dietenheim, Tanzsport, 120,00 €, Arbeitsstunden
Reiterverein Bietigheim-Bissingen, Reiten, 125,00 €, 150,00 € Boxenmiete, Anlagennutzung, Reitstunden, Arbeitsstunden
Pool Billard Club PBC Nagoldtal, Billard, 180,00 €, 35,00 € Ausrüstung
Rudergesellschaft „Schwaben“ HN, Rudern, 210,00 €, 25,00 €
Tennisclub Korb, Tennis, 215,00 €, 100,00 € Ausrüstung
Fitness-Studio Aramis Gäufelden, Fitness, 540,00 – 792,00 € , Ausrüstung
Golf Club Ulm, Golf, über Geld spricht man nicht, Ausrüstung
Quelle: Wolfgang Layer, SINGEN, Ausgabe 11/2007 und 12/2007
Wie hat Ihnen der Beitrag gefallen?




(Danke für Ihre Meinung!)




(Danke für Ihre Meinung!)Autor: Wolfgang Layer
Geschrieben am 13. Jan 2008 16:13, Rubrik: Gaue und Verbände, Singen und Stimme, Vereinsführung,
Kommentare per Feed RSS 2.0,
Kommentar schreiben, Trackback-URL
Aktuelle Beiträge
- Aktuelles Editorial SINGEN, Ausgabe 05-2012
- Teilnahme am Wettbewerb für Chor-Werbevideos
- Friedrich Silcher und seine dichtenden Zeitgenossen
- Eine furiose Zirkusvorstellung der SwingingKids Magstadt
- Konzert „Klingende Renaissance“
- SWR Vokalensemble beim Landes-Musik-Festival in Nagold
- Chorzirkus Belli-Toni war zu Gast in Wolfschlugen
Letzte Kommentare
Beiträge sortiert nach Themen
- Chorjugend im SCV (151)
- Chorpraxis (49)
- Aus der Geschäftsstelle (190)
- Vereinsführung (72)
- Vereinsrecht (18)
- Veranstaltungen (694)
- Chorfest/chor.com (35)
- Fortbildungen (130)
- Nachwuchsarbeit / Werbung (145)
- Chorliteratur / Medien (38)
- Auswahlchöre (48)
- Editorial (18)
- Autorenhilfe (10)
Beiträge sortiert nach Chorgattung
- Eltern-Kind-Musik (36)
- Kinderchöre (236)
- Jugendchöre (220)
- Junge Chöre (178)
- gemischte Chöre (303)
- Frauenchöre (143)
- Männerchöre (214)
- Chöre 50+ (30)
- sonstige Chöre (39)
Neuerscheinungen
- Gelesen, gehört (1)
Beiträge sortiert nach Chorverbänden und Gauen
- Donau-Bussen-Gau (163)
- Chorverband Otto Elben (58)
- Chorverband Enz (68)
- Chorverband Filder (20)
- Chorverband Heilbronn (4)
- Hermann-Hesse-Chorverband (2)
- Chorverband Hohenlohe (1)
- Chorverband Hohenstaufen (6)
- Eugen-Jaekle-Gau (10)
- Chorverband Karl-Pfaff (111)
- Chorverband Johannes Kepler (28)
- Chorverband Kniebis-Nagold (9)
- Chorverband Region Kocher (57)
- Sängerkreis Mittlerer Neckar (140)
- Oberschwäbischer Chorverband (173)
- Chorverband Friedrich Schiller (28)
- Chorverband Friedrich Silcher (23)
- Wilhelm-Hauff-Chorverband (11)
- Chorverband Ludwig Uhland (294)
- Chorverband Ulm (96)
- Zabergäu-Sängerbund (3)
- Zollernalb-Gau (101)
- Chorverband Schwarzwald-Baar-Heuberg (71)
Archiv
- Mai 2012 (26)
- April 2012 (41)
- März 2012 (30)
- Februar 2012 (35)
- Januar 2012 (32)
- Dezember 2011 (46)
- November 2011 (73)
Gabriele Winkler aus Grafenau schreibt uns dazu:
Eine interessante Frage, betrachtet man die Zahlen in der Novemberausgabe von SINGEN und die finanziellen Mittel, die für dieses Hobby investiert werden.
Vergleicht man die Beiträge für Vereine, die sich dem Gesang gewidmet haben mit denen anderer Vereine, so ist Singen wohl eines der „billigsten“ Hobbys, liegen hier doch die Mitgliedsbeiträge durchschnittlich mit 20-50 € pro Jahr im „Schnäppchenbereich“.
Abhängig von der Mitgliederzahl und den anfallenden Kosten, mag das evtl. für die Finanzierung eines Chorleiters/-leiterin genügen, doch sind deshalb trotzdem die meisten Vereine auch auf Zusatzeinnahmen angewiesen, z.B. Spenden, Einnahmen durch Veranstaltungen, die der Verein bewirtet oder Konzerte.
Es ist also zusätzlich zum eigentlichen Hobby noch jede Menge Engagement und Zeitaufwand nötig, um eine gute finanzielle Basis zu erwirtschaften.
Genau das ist ein Punkt, vor dem viele zurückschrecken. Vor allem junge Sänger/-innen, die meist beruflich und familiär stark gefordert sind, können bzw. wollen sich diesbezüglich nicht zusätzlich belasten.
Wir, die GrafFITies aus Grafenau, waren uns dessen bewusst, als wir unsere eigenständige Abteilung im Liederkranz Döffingen e.V. gründeten. Wir beschlossen, uns möglichst nur durch Mitgliedsbeiträge zu finanzieren. Bei ca. 30 Mitgliedern und einem monatlichen Beitrag von 10,00 € haben wir das bislang auch gut geschafft.
Uns ist eine Probe also im Schnitt und pro Person soviel wert wie ¼ Wein. Wenn ich mir da das Preisleistungsverhältnis anschaue, ziehe ich das Singen eindeutig vor und trinke vielleicht hinterher mal ein Viertele, wenn ich freudig und entspannt aus der Chorprobe komme.
Sicher, bei der Frage, ob ein Verein die Beiträge erhöht, wird es immer Widerspruch geben, denn „muss das nun auch noch teurer werden und es ging doch bisher auch so“, werden die ersten Vetos sein.
Doch was, wenn die zusätzliche Arbeit immer an den gleichen hängen bleibt und damit nur ein Teil der Vereinsmitglieder ihre Energie zum Wohle aller einbringt. Schafft man damit auf Dauer nicht Nährboden für Ungerechtigkeit und Konflikte?
Was, wenn Mitglieder wegfallen und keine neuen dazu kommen, gerade weil das geforderte zeitliche Engagement besonders junge Menschen abschreckt?
Da ist es schon sinnvoll, sich mal über den finanziellen Aufwand für sein Hobby Gedanken zu machen. Bei den Hobbys unserer Kinder sind wir oft spendabler als bei den eigenen und wenn man mal genau überlegt, wie viel Geld man oft, trotz allgemeiner finanzieller Einschränkungen, für völlig Unnötiges ausgibt, ist hier doch das Festlegen klarer Prioritäten in jedem Fall angesagt.
Das heißt nun nicht, dass Singen im Verein zur finanziellen Belastung oder höhere Beiträge ein Handicap für Einkommensschwächere werden muss.
Wir haben beispielsweise Vergünstigungen für Azubis, Schüler und Studenten und einen sog. „Mengenrabatt“ für Ehepaare. Bei Senioren, die leider auch oft mit sehr bescheidenen Bezügen auskommen müssen, sollte man auch ähnl. Sonderkonditionen gewähren. Das lässt sich sicher je nach Vereinsstruktur individuell regeln. Auch „Mischkonzepte“ sind denkbar und lassen viel Mitgliederbezogenen Spielraum. Also trauen sie sich, kreativ zu sein
Jedenfalls sollte man sich auch mal aus der „Schnäppchenecke“ herauswagen, denn wie man weiß, ist billig nicht immer gut und manch eine/r würde lieber mehr zahlen, als ständig zusätzlich als Vereinsaktivist auf Veranstaltungen Würstchen zu braten, zu bedienen oder sonst wie gefordert zu sein.
Also setzen sie Prioritäten, zeigen sie Mut zur Diskussion und bleiben sie flexibel und offen für neue Entwicklungen. Nur so halten sie ihren Verein langfristig am Leben und werden dem Wandel der Zeit und den Bedürfnissen kommender Generationen gerecht.