A-cappella – ein ernst zu nehmendes Genre mit großer Zukunft

Als ich Anfang der 90er der Bass von Six Pack wurde, waren die 6Zylinder schon einige Jahre aktiv. Die Wise Guys gründeten sich. Bald kam Vilsmaiers Film “Comedian Harmonists”, der an die legendären Urväter der Vokalensembles aus den 20er und 30er Jahren erinnerte. Weitere Bands schossen aus dem Boden. Die meisten waren auf Comedy und Unterhaltung mit witzigen Texten ausgelegt und fanden in den Veranstaltungssälen unter der Sparte “Kleinkunst” statt.

Heute ist A-cappella längst aus dem Kleinkunstgenre herausgewachsen. Es ist eine eigene, ernstzunehmende Musikrichtung, nicht mehr nur eine reine Darbietungsform, und schon gar nicht mehr nur Comedy. Durch den heute technisch produzierbaren Sound gibt es keine Grenzen mehr nach oben. Stimmen, wie z.B. von Slixs, ONAIR, Acapellago oder Pentatonix klingen im breitflächigen, fetten Pop-Sound. A-cappella erfüllt inzwischen Kriterien und Hörgewohnheiten, die man sonst nur von Bands mit Instrumenten kannte. Soundtechnisch wird A-cappella so „salonfähig“ für Radio und TV. A-cappella Bands haben das Potential zum Popstar.Auch die Gesangsqualität der Bands hat sich enorm verbessert. Ein neu gegründetes Ensemble ist heutzutage innerhalb weniger Monate bühnenreif, mit einer oft beeindruckenden Qualität. Die Popstimme hat längst Einkehr gefunden in die A-cappella Szene von heute. Bands nutzen zudem viel mehr als früher die Chance, sich durch Workshops und Coachings kontinuierlich zu verbessern.

Durch die Verquickung von verschiedenen Disziplinen sind A-cappella Konzerte nunmehr innovativer denn je. Schauspielerische Elemente kommen hinzu, Choreographien, coole Styles, ein ausgeklügeltes Lichtdesign. Wirft man einen Blick auf die weltweite Entwicklung des Genres A-cappella begegnet einem neben den bereits genannten Pentatonix aus den USA und Acapellago von den Philippinen, die bereits mediale Superstars sind, z.B. auch die High-School-Vokalszene der USA, die weit verbreitet ist und hierzulande einem größeren Publikum durch die TV-Serie „Glee“ und die „Pitch Perfect“-Kinofilme bekannt geworden ist. „Sing Off“ ist ein US-Stimmen- und Talente-TV-Format, das ähnlich wie „Pitch Perfectly“ von Sky 1 in Großbritannien eine große Fanbase hat. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann ein solches Format auch ins deutsche Fernsehen kommt, um nicht zu sagen: Es wird Zeit dafür! Ebenso wie es Zeit wird, dass A-cappella im Radio gespielt wird. In Taiwan und anderen Ländern Südostasiens, auch in China, gibt es A-cappella Fans, die deutschen Gruppen, die dorthin auf Tour kommen, einen siebten Himmel der Begeisterung bescheren (Ausflippcharakter!).

A-cappella Festivals schießen aus dem Boden und erfreuen sich größter Beliebtheit. Aarhus und Graz sind „alte Hasen“, und zusammen mit London, Los Angeles, Chicago, Boston, Taipeh weltweite Speerspitzen. Bei uns sind München, Hannover und Leipzig die großen drei. In Wilhelmshaven, Bayreuth, Berlin oder Münster gibt es neuere, kleinere Festivals.

Durch Events wie das Aarhus Vocal Festival, wohin auch viele Chormitglieder und Chorleiter fahren, guckt man heutzutage „über den eigenen Tellerrand“. Im Internet bekommen nicht nur Pentatonix & Co., sondern auch YouTube-a-cappella Künstler wie Smooth McGroove, Peter Hollens, Sam Robson oder Mike Tompkins mehrere Millionen Klicks. Überhaupt haben youtube, facebook und Co. wahrscheinlich den größten Anteil am A-cappella Boom der vergangenen 10 Jahre.

Die beiden Superchöre Perpetuum Jazzile aus Slowenien und Vocal Line aus Dänemark inspirieren viele Chöre auch hierzulande, sowie A-cappella Ensembles weltweit. Das Publikum der Chor- und Aca-Szene rückt dadurch näher zusammen.

Wise Guys und Maybebop waren die Pioniere in der Zusammenarbeit mit Chören, heute arbeiten viele A-cappella Gruppen mit Chören zusammen, geben inspirierende Workshops und/oder veranstalten gemeinsame Konzerte. Die Chorszene hat sich unaufhörlich weiter entwickelt, es gibt mehr und mehr Pop-und Jazzchöre in Deutschland. Der Jazzchor Freiburg, der Bonner Jazzchor, Laut! – Der Landesjugendchor des Saarländischen Chorverbands, Pop Up – der Popchor der Musikhochschule Detmold, Vivid Voices aus Hannover. A-cappella Pop ist somit in aller Munde. A-cappella Konzerte sind Gesamtkunstwerke von allerhöchstem Begeisterungsfaktor. Die Besucherzahlen werden weiter zunehmen, Berührungsängste werden mehr und mehr überwunden. Manche A-cappella Bands werden Hallen füllen, wovon ich als Six Pack-Bass in den 90ern nicht zu träumen wagte.

von Peter Martin Jacob

(Radiojournalist und Inhaber von magenta die A cappella agentur, ehemaliger a-cappella Sänger)

Mitarbeit: Andrea Heister

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Isabelle Arnold, 1. Dez 2017, Chorpraxis, Singen und Stimme, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentar schreiben, Trackback-URL

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