Chorklang

Für viele ChorleiterInnen ist das Kapitel „Chorklang“ entweder ein „Buch mit sieben Siegeln“ oder ein Wunschtraum, der an der eigenen Beschränkung scheitert: „Ich bin zufrieden, wenn meine Leute halbwegs sauber singen. Alles andere kann man mit einem Laienchor nicht machen.“

Chorklang & Intonation hängen ursächlich zusammen.
Chorklang hat mit Offenheit zu tun, mit der Gestaltung der einzelnen Vokale, Mischvokale und Doppellaute (Diphtonge), der Beherrschung des Vokalausgleichs und der Fähigkeit, die Konsonanten dabei als Hilfsmittel einzusetzen. Dasselbe ist nötig, um auch Intonationsprobleme zu lösen.
Manchmal genügt eine minimale Veränderung des Gesichtsausdrucks, die Andeutung eines Lächelns, um Intonationsschwierigkeiten in den Griff zu bekommen. „Sauberes Singen“ hängt immer auch mit „richtigem Singen“ zusammen.

Warum klingen Chöre unterschiedlich?
Das hat zunächst einmal etwas mit dem Alter zu tun. Junge Stimmen sind durchweg schlanker, aber auch „substanzloser“, ältere Stimmen sind farbenreicher, sind schwerer. Am deutlichsten war für mich in den frühen 70er Jahren der Unterschied zwischen den beiden Chören zu spüren, in denen ich während meines Musikstudiums gesungen habe: dem Chor des Bayerischen Rundfunks und der Gächinger Kantorei. Der BR-Chor lag vom Altersdurchschnitt gut 15 Jahre über dem Rilling-Chor, ähnlich Karl Richters Bachchor. Das wirkte sich selbstverständlich auch auf den Chorklang aus.
Neben dem Alter spielt die nationale, ja sogar regionale Zusammensetzung eines Chores eine wichtige Rolle. Es gibt Stimmen, die besitzen viel Dynamik und Farbe (den Bayern sagt man´s nach, den Rheinländern und Berlinern, um mal in Deutschland zu bleiben), andere Stimmen klingen im ersten Moment etwas flacher, emotionsloser, direkter (Friesland), wieder andere metallisch (Sachsen). Das wiederum hat seine Ursachen in der Sprache, im Dialekt. Man kann es nicht verallgemeinern! Dennoch liegt es nicht nur am Liedgut, wenn ein Shantychor von der Waterkant anders klingt als der schwäbische Liederkranz.
Verlassen wir die Grenzen Deutschlands, vor allem Richtung Osten und Süden, werden diese sprach- und kulturkreisbedingten Klangunterschiede noch offensichtlicher. Genau das ist es, was unser Instrument so spannend, so aufregend macht. Eine Klarinette von Yamaha klingt in Japan nicht anders als in Europa und in den USA. Aber ein Afroamerikaner aus den Südstaaten wird Jerome Kerns „Ol’ man river“ authentischer singen als jeder noch so perfekte Konzert- und Bühnenbass zwischen Madrid, Paris, London, Berlin und Tokio.

Was ist Klangfarbe?
Farbe hat rein physikalisch mit dem Freqenzspektrum der Stimme zu tun. 1:1 geklonte Menschen würden 1:1 die gleiche Stimme besitzen. Weil es diese Menschen aber (zum Glück) nicht gibt, ist ihr Körperbau unterschiedlich und damit der davon beeinflusste Klang. Klanggestalter sind Brustraum, Kehlkopf, Nasen- und Rachenraum, Kiefer, Stirn usw. Alles, was vom Luftstrom in Schwingungen versetzt wird, formt mit am Klang.

Was tun wir dabei?
Wir sind die Klangdesigner. Wir sitzen am Mischpult und ziehen mal diesen, mal jenen Regler hoch. Wenn wir zuviel Brustresonanz in unsere hohen Töne mischen, werden diese schrill und fangen an „rückzukoppeln“. Wenn unser Equalizer zu wenig nasale Freqenzen in der Mittellage zur Verfügung stellt, wird diese flach und uninteressant. Und wenn wir zu früh die Grundfrequenzen aus den hohen Tönen eliminieren, rutscht uns das Kopfregister runter in die Mittellage unserer Stimme und mit ihm die „Seele“ unserer Töne.

Was ist Chorklang?
Mit „Chorklang“ bezeichnet man das einheitliche klangliche Erscheinungsbild eines Chores, seine sog. Homogenität.
Stimmen unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Dialekts, unterschiedlicher Emotionalität bewirken in einem Chor ein räumlich unterschiedliches Klangbild. D.h. dass sich der Klang je nach Standort verändert. In der einen Stimmgruppe überwiegen die etwas diskantreicheren (schärferen) Stimmen bei Frauen über 60 Jahren, in einer anderen Stimmgruppe bestimmen Mundfaulheit und breiter Dialekt den Klang (oftmals bei tiefen Männerstimmen), während sich im Tenor sehr oft die Kraftanstrengung bei hohen Tönen mit sog. Knödelstimme Gehör verschafft. All das kann nur zusammengehen, wenn es sich nach gemeinsamen Vorgaben richtet.

Alles kein Problem!
Dafür ist die chorische Stimmbildung da. Sie versucht – um es mathematisch auszudrücken – aus dem größten gemeinsamen Vielfachen den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden sowie alle Stimmen auf diesen gemeinsamen Nenner zu „eichen“. Jeder Chor besitzt einen eigenen, unverwechselbaren Klang. Jeder Chor kann – unabhängig von Alter, Dialekt und Leistungsstand – diesen originären Chorklang finden und an ihm arbeiten.

Was ist chorische Stimmbildung?
Stimmbildung ist das Erlernen des Instruments. Sie hat also nichts mit Einsingen zu tun. Einsingen ist „Muskeltraining vor dem Spiel“. Stimmbildung ist Instrumentalunterricht, einzeln oder in der Gruppe.
Stellen Sie sich vor, Ihr Dirigent drückt jedem in ihrem Chor eine Klarinette in die Hand. Das Rohrblatt ist befestigt, das Instrument ist spielbereit. Und nun? Ihr Dirigent erklärt, was er einstudieren will, danach geht´s los.
Der Spaß ist mit Sicherheit nicht minder groß als der Lärm. Sie haben zwar ein Instrument, aber niemand hat sie bisher spielen gelehrt.
So ist es auch mit Ihrer Stimme. Sie haben seit Jahren, Jahrzehnten ein voll funktionsfähiges Instrument, aber können Sie wirklich darauf spielen?
Chorische Stimmbildung ist nichts, womit Ihr(e) Chorleiter(in) Sie ärgern oder langweilen will. Stimmbildung ist der Teebeutel für die Stimme, damit allen das Wasser gleich gut schmeckt, egal ob mit oder ohne Zucker, mit oder ohne Zitrone.

Grundeinstellung
Ich möchte sie mit dem Leerlauf beim Auto vergleichen. Wenn im Leerlauf alles rund läuft, kann man die Gänge einlegen. Deswegen konzentrieren wir uns auf den „Leerlauf“.
Weil die meisten SängerInnen in der wöchentlichen Chorprobe sitzen, ist es vernünftig, sich in den folgenden Übungen auf diese Situation einzustellen. Beim Einatmen kann Sitzen sogar eine Hilfe sein, wenn man sich noch nicht so ganz sicher ist, ob man richtig oder falsch atmet.
Ein Sänger sitzt rund 70 Stunden im Jahr in der Chorprobe, 10 Stunden steht er, verteilt auf 40 Proben, beim Einsingen, zwei Stunden bei der Generalprobe und zwei Stunden beim Konzert. Deswegen probieren wir´s mal im Sitzen.

Die Atmung
Noch etwas kommt beim Stehen hinzu. Der Körper befindet sich zwar in der idealen Position für unverspannte Haltung, für Zwerchfell-Flankenatmung und gymnastische Lockerungsübungen, aber die kurzfristige Konzentration auf Dinge, die man (leider) nur einmal in der Woche exerziert, führt bisweilen zu einer inneren Verspannung, die nicht bemerkt wird, frei nach dem Motto: „Ich bin locker, Mensch, bin ich locker, verdammt, bin ich locker.“ Wir Männer wissen, wovon wir reden. Wenn dann noch der Bauch eingezogen oder von einem allzu straff gezogenen Gürtel eingeengt wird, kann echte Lockerheit nicht aufkommen. Schon beim ersten Einatmen heben sich die Schultern mit, die Brust füllt sich mit Luft, der Bauch wird noch ein Stück mehr eingezogen, anstatt – dem Zwerchfell folgend – sich all jenen zu präsentieren, die ihn nicht sehen sollen.

Einatmen durch die Nase

Das geht nicht immer, und schon gar nicht beim Singen. Aber beim Einsingen, da sollte es fast immer möglich sein. Da singt man keine längeren Passagen, sondern ein- bis mehrtaktige Übungen. Da freuen sich die Lungenbläschen, wenn die Luft angewärmt, angefeuchtet und gesäubert über Rachen, Kehlkopf, Luftröhre und Bronchien strömt, und nach dem Gasaustausch (O2 wird aufgenommen, CO2 wird abgegeben) auf dem Rückweg – je nach Tonhöhe – mit 100 bis 1000 Schwingungen pro Sekunde die Stimmlippen öffnet und schließt. Der „Hals“ wird nicht trocken, wenn die Luft ständig direkt über den Rachenraum aufgenommen wird, das lästige Schlucken fällt weg, mit einem Wort: alles bingo? Fast alles!

Auf die richtige Dosis Luft kommt es an

Natürlich hat auch Atmung mit Chorklang zu tun. Warum? Das will ich Ihnen erklären.
Es gibt nichts Wertvolleres beim Singen als die Luft. Das merkt man spätestens dann, wenn sie einem fehlt, wenn die Phrase, die man singen soll, noch 7 Töne weitergeht. Je größer die Zahl der Takte, je höher die Töne, die man singen soll, desto tiefer atmen viele Sängerinnen und Sänger ein. Es kommt zum kurzfristigen Luftstau, bevor der „Stimmkanal“ wieder freigegeben wird für den Ton. Doch da ist sie auch schon weg, die Hälfte der Luft, weg wie beim prall gefüllten Luftballon.
Es ist gar nicht so leicht, diese Marotte loszuwerden, wenn man sein Leben lang eingeatmet hat bis zum Limit, die Lungen vollgepumpt, die Luft kurz angehalten und dann losgesungen. Es ist wie mit dem Rauchen. Immer wieder muss man sich sagen: Brauche ich das, muss ich das haben? Warum 60 Liter tanken, wenn 30 auch reichen. Warum Turbo, wenn ich mit dem Spargang genau so schnell und genauso weit komme?
Zurück zum Chorklang: Ein in den Luftstrom eingebetteter Ton klingt weich, elastisch, modellierbar. Er mischt sich mühelos mit jeder anderen Stimme. Ganz anders der Tonansatz, erzeugt durch zu viel Luft. Entweder er kommt hart mit mehr oder weniger starkem Akzent (harter Glottisschlag) oder er schiebt überflüssige Luft vor sich her und verzögert damit den Einsatz. Da genügt ein einzelner Sänger, um den Chorklang zu beeinträchtigen. Das ökonomische und damit richtige Atmen entspricht dem Wechselspiel zwischen Gas und Kupplung im Auto. Natürlich komme ich mit 200 PS schneller bis zum nächsten Stau als mit 50 PS. Aber zeugt es nicht von Kurzsichtigkeit, mit Vollgas aufzufahren und zu bremsen, anstatt mit angepasster Geschwindigkeit?
Einatmen erfolgt aktiv, Ausatmen passiv. Beim Einatmen wird die Lunge gedehnt und die Atemmuskulatur angespannt, beim Ausatmen verkleinert sich der Brustraum wieder und die Muskulatur entspannt sich.
Beim richtigen Singen sieht es fast nach dem Gegenteil aus: kein kraftvolles Nachpumpen, sondern lockere Bereitstellung für das Nachströmen der Luft. Dafür sollten wir beim Ausatmen den Luftstrom kontrollieren und gezielt ausrichten.

Atemübungen im Sitzen
Lehnen Sie sich ruhig zurück. Ich hoffe, Sie haben einen bequemen Stuhl. Atmen Sie aus … aus … aus … und geben Sie nicht sofort der Versuchung nach, wieder einzuatmen. Lassen Sie „ihren Körper einatmen“. Wenn die Lunge das Gefühl hat, jetzt braucht sie Luft, geht ein Ruck durch den Körper, das Zwerchfell senkt sich, Brustkorb und Bauchdecke werden gedehnt, die Flanken geweitet und wir haben das Gefühl, mit dem ganzen Körper zu atmen. Dieser Atemimpuls vermittelt uns die Einstellung für alle weiteren Übungen.
Wie kommt es dazu?
Unser sog. Nervus Vagus, der für die Atmung zuständig ist, hat dem Gehirn signalisiert, dass wir zu wenig Sauerstoff im Blut haben. Daraufhin sandte das Gehirn die Botschaft an unser Zwerchfell, und diesem größten Muskel in unserem Körper blieb nichts anders übrig, als zu reagieren.
Feierabend. Stellen Sie sich vor, Sie haben den ganzen Tag geackert, körperlich oder am PC im Büro. Auch der Heimweg war mit Stau und Autoabgasen nicht gerade angenehm. Doch jetzt sitzen Sie zuhause im Garten auf ihrer Lieblingsbank und genießen die Luft. Atmen Sie tief durch die Nase ein, spüren dabei ihren Bauch, wie er sich dehnt. Wiederholen Sie den Vorgang ruhig und ohne Hektik.

Je ruhiger Ihr Atem fließt, desto gleichmäßiger wird auch die Tongebung. Also nie „bis zum Anschlag“ einatmen, 70 Prozent genügen.
Um zu einem guten Ausgleich zwischen Lufthaushalt und Tongebung zu gelangen, atmen wir die Luft nicht mit offenem Mund wieder aus, sondern versuchen damit hauszuhalten. Das, was uns mit dem monatlichen Gehalt nicht immer gelingt – mit der Luft werden wir´s schaffen. Also: nie alles „ausgeben“, was wir „einnehmen“, organisieren!
Formen Sie Ihre Lippen zu einem „f“ und lassen die Atemluft sanft ausströmen. Beobachten, oder besser gesagt, fühlen Sie den Luftstrom und das, was passiert. Das Wort „passiert“ gibt genau wieder, was ich sagen will: was passiv geschieht. Die Atemluft nicht nachschieben.
Bei nächsten Mal schalten Sie auf „Intervall“ und unterbrechen den ausströmenden Luftstrom immer wieder für kurze Zeit. Diese Unterbrechung sollte unbedingt mit dem vollständigen Schließen der Lippen geschehen, sonst ist es keine echte „Intervallschaltung“, sondern der Atem wird nur kurzfristig angehalten von Ihnen. Und genau das können wir zu Beginn unserer Atemübungen nicht brauchen.
Nach einiger Zeit entwickelt sich ein Gespür für einen ökonomischen Lufthaushalt, die Grundlage für den direkten und weichen Tonansatz.

Auf der Suche nach den Resonanzräumen und dem Klang der Stimme

Nur wenige Chorsänger kennen ihre eigene Stimme. Dies hängt nicht nur damit zusammen, dass Chorsingen etwas anderes ist als Sologesang. Es hat auch damit zu tun, dass Chorsänger meistens „mitsingen“ anstatt aktiv zu gestalten. Mitsingen ist für mich Omnibusausflug, Lagerfeuer, Sonntagsgottesdienst. Ganz anders sollte unsere Tätigkeit im Chor sein: aktives, eigenverantwortliches künstlerisches Gestalten. Dafür ist es nötig, unsere Stimme kennenzulernen, ihren Klang, ihre Vorzüge und ihre Defizite. Letztere liegen meist in der mangelnden Ausnutzung der Klangräume, also der Resonanzen, die jedem Menschen zur Verfügung stehen. Es ist gar nicht so leicht, diese zu finden. Deswegen schließen Sie Ihre Lippen, atmen Sie – wie gehabt – ruhig ein durch die Nase und jetzt …

„Mmmmm…“
Was Sie jetzt machen, dauert länger, als Sie zunächst denken. Sie gehen auf die Suche nach Ihren optimalen Resonanzräumen „im Kopf“, ganz salopp ausgedrückt. Hierfür ist es nötig, Ihre individuelle Tonhöhe zu finden, Ihren „phonetischen Nullpunkt“ – wie der Fachmann sagt. Denn je bequemer Sie sich fühlen, desto leichter tun Sie sich beim Summen. Während des Summens (mit geschlossenem Mund!) justieren Sie nach, der Mundraum wird immer weiter, der Ton immer voluminöser, und plötzlich haben Sie das Gefühl, er klingt nicht nur in Ihnen, sondern dringt durch die Wangen nach außen und bringt die Luft um Sie herum zum Schwingen.
Behalten Sie die Weite des Mundraums und öffnen vorsichtig die Lippen, mal hin zum „o“, dann zum „u“, zum „ü“, zum „ö“, zum „e“, und immer wieder vorher die Lippen schließen, den Mundraum vorschwingen lassen und dann vorsichtig öffnen. Lassen Sie die Vokale und Mischvokale nicht los, kontrollieren Sie sie weiterhin mit der Spannung Ihrer Lippen.

Ohne „Schnute“ läuft nichts.
Was ist eine Schnute? Es ist die Grundeinstellung der Lippen für jeden Ton, mit dem wir uns einsingen wollen. Warum die Schnute? Weil sie dem Luftstrom und damit dem Ton eine Richtung gibt, ihn nicht „absaufen“ lässt in den unerforschlichen Abgründen unseres Rachens und Kehlkopfs.

Dies ist vor allem in der von den meisten SängerInnen sträflich vernachlässigten Mittellage ihrer Stimme der Fall. Deswegen empfiehlt sich zum Einsingen auch jeder Vokal mehr als das „a“. Ein „a“ in den richtigen Stimmsitz zu bekommen, fällt leichter, wenn man erst die lippen- und zungenaktiven Vokale geübt hat. Denn an der Bildung des „a“ sind Lippen und Zunge kaum beteiligt. Deswegen „rutscht“ es einem leicht weg und wird kehlig, anstatt den Weg Richtung Nasalräume zu nehmen. Starten wir also mit einem Vokal, der sowohl klangreich ist wie auch die geschlossene Lippenstellung ermöglicht. Dies ist z.B. der Mischvokal „ü“.

Nie ohne „Schnute“
Warum die Schnute? Weil sie dem Luftstrom und damit dem Ton eine Richtung gibt, ihn nicht „absaufen“ lässt in den unerforschlichen Abgründen unseres Rachens und Kehlkopfs. Dies ist vor allem in der von den meisten SängerInnen sträflich vernachlässigten Mittellage ihrer Stimme der Fall. Deswegen empfiehlt sich zum Einsingen auch jeder Vokal mehr als das „a“. Ein „a“ in den richtigen Stimmsitz zu bekommen fällt leichter, wenn man erst die lippen- und zungenaktiven Vokale geübt hat. Denn an der Bildung des „a“ sind Lippen und Zunge kaum beteiligt. Deswegen „rutscht“ es einem leicht weg und wird kehlig, anstatt den Weg Richtung Nasalräume zu nehmen.

Noch einmal zurück zur Schnute und zum Verständnis dessen, was da abläuft. Männern sagt man zwar nicht nach, dass sie zuhause sehr häufig zum Staubsauger greifen, aber den folgenden Vergleich werden sie dennoch verstehen. Je größer die Düse, desto geringer die Saugkraft, je kleiner, desto größer ist sie. Dies gilt selbstverständlich auch für die Gegenrichtung, also das Auspusten bzw. Ausatmen. Je besser ein Sänger sein „Tonrohr im Griff hat“, je besser er seinen Ton „zu fassen kriegt“, desto leichter wird er sich tun, desto sicherer sitzt der Ton.

Lippenspannung ist positive Spannung
Wenn ein Chorleiter von seinen Sängerinnen und Sängern entspanntes Singen fordert, dann gilt das stets für die Körperhaltung und für die Atemführung, nicht aber für die Interpretation (künstlerische Spannung) und für die Lippen eines Sängers.
Vokale und Doppellaute mit starker Lippenspannung (u, ü, o, ö) sind leichter zu fassen, weil die „Fassung“ bereits vorhanden ist.

Checkliste
Damit Sie kleine Fehler mit großer Wirkung vermeiden, erhalten Sie ab sofort eine Checkliste, die Sie gedanklich abarbeiten, bevor Sie starten.
Leerlauf: Ruhiges Nachatmen, kein Luftstau. Lassen Sie Ihren „Körper atmen“, der kann das besser als Ihre befehlsgewohnte Brust.
Erster Gang: Schnute
Zweiter Gang: Weite des Mundraums
Dritter Gang: weich einlegen! Je vorsichtiger und bewusster Sie einen Ton ansetzen, desto sicherer wird er sitzen und sich entfalten können.
Ab jetzt wird gesungen, eingesungen.
Starten wir also mit einem Vokal, der sowohl klangreich ist, als auch eine aktive Lippenstellung benötigt. Dies ist z.B. der Mischvokal „ü“. Sein Klang kann und soll genau so „groß“ und resonanzreich sein wie der eines „a“. Viele glauben, ein u, i, ü, ö oder e wären „kleine Laute“, während a und o große Laute darstellten.
Lassen Sie das „ü“ strömen und atmen Sie ruhig nach, sobald die Luft verbraucht ist. Auf keinen Fall „nachschieben“ bzw. die Luft nachpressen, um den Ton am Leben zu halten. Ein Ton lebt nur, wenn er sich selbst entfalten darf, wachsen kann, nicht gewaltsam produziert wird, sondern natürlich entsteht. Das macht den Unterschied zwischen Ton und Geräusch aus: die gleichmäßige Schwingung der Luft. Töne entstehen durch Schwingungen der Luft, nicht durch Pressluft.
Bei Ihrem dritten oder vierten „ü“ sollten Sie das Volumen soweit „nachjustiert“ haben, dass Sie ein gutes Gefühl dabei empfinden. Das ist nicht mehr das enge und isolierte „ü“, das Sie früher gesungen haben. Üben Sie einen Ton höher und tiefer, eine Tonleiter auf- und abwärts und achten Sie darauf, dass sich die offene Einstellung nie verändert.

Um die richtige Einstellung des Tones beizubehalten, müssen Sie beim Aufwärtssingen stets nachbessern mit der Lippenspannung. Die Richtung fürs Nachbessern der Lippenstellung ist immer die vertikale, nie die horizontale, d.h. Ihre Schnute wird größer, die Lippenspannung nimmt zu. Behalten Sie die gleiche Lippenspannung über mehr als 5 Töne bei, wird der Ton enger und immer kopfiger. Er verliert an Resonanz und damit an Klang.
Die Vokale sind unsere Schaltzentrale für den Ton und deswegen auch für den Gesamtklang eines Chores. Unterschiedliche Dialekte bewirken, dass ein schwäbisches „a“ und „e“ mundartlich anders klingen als ein sächsisches oder friesisches.
Stellen Sie sich einen Chor mit allen deutschen Landsmannschaften vor, in dem jede/r so singt, wie ihm/ihr „der Schnabel gewachsen ist“. Eine Horrorvorstellung für jeden Chorleiter! Es ist wie mit dem Bruchrechnen: Wenn Sie 1/4, 3/9, 8/7 und 2/3 zusammenzählen wollen, müssen Sie einen gemeinsamen Nenner dafür finden. Beim Singen ist es nicht anders. Was beim Addieren von Brüchen das „Gemeinsame Vielfache“ ist, ist beim Singen der „Vokalausgleich“.
Achten Sie deswegen schon beim Einsingen darauf, dass alle Vokale, die Sie singen, die gleiche Mundraumweite besitzen, dass sie alle Vokale und Mischvokale mit ein und derselben Grundeinstellung Ihres Mundraums singen können. Geändert wird nur die Lippenspannung und die Stellung der Zunge im Mundraum, die für die Formung verantwortlich sind. Die Weite des Mundraums bleibt.
Warum ist beim Singen alles so anders als beim Sprechen?
Sprache ist Kommunikationsmittel und Mittler. Ob Sie Ihre Morgenbrötchen mit offenem oder geschlossenem „o“ bestellen, wird das Ergebnis nicht wesentlich beeinflussen. Ganz anders sieht das mit Ihrem Solo beim Konzert des Gesangvereins aus.
Singen ist „klingende Sprache“. Sprache ist also nur ein Bestandteil des Singens, der durch den Ton zum Klingen gebracht wird. Genau genommen ist Sprache nichts anderes als ein modifiziertes Geräusch. Dies gilt zwar nicht für alle Sprachen und alle Redner im gleichen Maße. Wir wissen, dass die italienische Sprache dem schönen Gesang (belcanto) und damit dem Klang viel näher steht als Schwyzerdütsch oder ein tschechischer Zungebrecher. Rein physikalisch ändert das dennoch nichts.

Vokalbildung
Wie bilden wir unsere Vokale? Sind es die Lippen oder ist es die Zunge? Probieren Sie´s doch einfach mal aus! Sprechen sie Vokale in folgender Reihenfolge: u – o – a – e – i
Halten Sie dabei die Zunge bewusst unbeweglich und agieren nur mit der Lippenspannung. Sehr schnell spüren Sie, dass alle Laute – egal ob helle oder dunkle Vokale – starr und kehlig geraten. Denn geformt werden sie von unserem Zungenrücken, der sich bei den hellen Vokalen (i, e, ä) deutlich hebt, während er beim „u“ nahezu passiv bleibt und die Arbeit den Lippen überlässt.

Vokale singen
Wir haben in unserer letzten Folge (Mai 2005) davon gesprochen, dass Vokale dann leichter beherrschbar sind, wenn sie mit der Lippenspannung (Schnute) geformt werden können.
Zum Vergleich: schöpfen Sie aus einer Quelle mit ihren Händen einen Schluck Wasser und führen Sie ihn zum Mund. Je mehr Sie sich auf das Zusammenpressen der Finger konzentrieren, desto größer ist die Chance, nichts zu verschütten. Sobald Sie aber locker lassen und die Spannung reduzieren, werden Ihnen einzelne Tropfen zwischen den Fingern durchsickern. Nicht anders ist es mit dem Sitz der Vokale.
„Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“ heißt der berühmte Satz von Gertrude Stein. Ein „a“ ist ein „a“ ist ein „a“ ist ein „a“ sagt der Stimmpädagoge.

Das A
ist der „schwierigste“ Vokal, weil es einem – wie in unserer letzten Folge schon erwähnt – leicht wegrutscht. Schuld daran ist die völlige Lockerheit unseres Kiefers, mit der wir das „a“ bilden.
Was ist das „a“ für ein Vokal?
Wenn wir etwas verstanden haben, sagen wir „aha!“ und sind dabei nicht zuletzt deswegen so locker, weil wir es verstanden haben.
Über den intensiven Duft einer Rose äußern wir uns (noch ganz benommen) mit einem bewundernden „a“ und haben dabei ein sanftes Lächeln auf den leicht geöffneten Lippen. Unsere Backen werden zu „Sängerbäckchen“ (Anneliese-Rothenberger-Effekt). Und die Zunge? Sie liegt breit und träge in ihrem Speichelbett, ihre Spitze berührt die unteren Zähne und alles, alles wird gut.
Nicht immer, denn manches „a“ ringt nach Fassung, weil die „Fassung“ fehlt. Kein Problem! Auch ein „a“ lässt sich sichern. Dabei helfen uns – wie stets beim Singen – die Konsonanten. Sie sind Steigbügelhalter für die Vokale. Beim „a“ helfen uns das „n“ und das „ng“. Probieren Sie es aus!
Summen Sie ein intensives „n“, so dass der Ton wirklich nur durch die Nase kommt. Kontrolle: Beim Wäscheklammergriff der Nasenflügel verstummt der Ton augenblicklich.
Öffnen Sie nun ganz langsam und vorsichtig das „n“ zum „a“ hin. Vorsicht: das „a“ nicht einfach „plumpsen“ lassen, sondern mit viel Gefühl über verschiedene undefinierbare Vorstufen anpeilen. Das bringt zwei Vorteile mit sich:
1. Das „a“ erhält automatisch seinen richtigen Sitz.
2. Es bekommt vom „n“ her so viele nasale Frequenzen mit, dass es gleichzeitig farbig (Obertöne) wird und weich. Die nasalen Frequenzen wirken wie ein Weichspüler gegen den Härtegrad „K“ des Kehlkopfs.
Vergessen Sie dabei nicht die anderen Einstellungen:
• lockerer Kiefer
• die Zunge liegt an den unteren
Zähnen an.
Wenn Sie dasselbe jetzt mit „ng“ probieren, fällt Ihnen der Übergang zum „a“ wesentlich leichter, weil das „ng“ bereits die nötige Mundraumweite liefert.

Und was hat das alles mit CHORKLANG zu tun? Die Antwort ist einfach: die Einheitlichkeit, mit der wir Vokale singen und „einfärben“ ergibt den überzeugenden Sound, den kompakten Klang. Wenn ich von einfärben spreche, meine ich dabei nicht eine eventuell untersc hiedliche Einstellung bei der Bildung der Vokale. „Farbe“ bezieht sich aussc hließlich auf gestalterische Momente. Ein Anfangs-“a“ beim Lied „Abend wird es wieder“ wird anders klingen wie das eröffnende „a“ im Frühlingslied „Alle Vögel sind schon da“. Probieren Sie´s aus:
Singen Sie mit dem ruhigen runden „a“ des Abendliedes mal das Volkslied über Amsel, Star und Vogelschar“. Das wird ein trauriger Frühling!
Das Vokalrad
Wie heißen die 5 Vokale? fragte uns unser(e) Lehrer(in) in der Schule. Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen: „a-e-i-o-u“. Dass es zwischen dieses Vokalen Übergänge gibt, dass von einem zum anderen Wege existieren, die uns die klingende Aussprache erleichtern, erfuhren wir damals nicht. Es stand ja auch nicht Musik, sondern Deutsch auf dem Stundenplan. Für Singende ist das Wissen um dieses „Vokalrad“ oder – wie es andere oft nennen – „Vokalhaus“ ein wichtiger Schritt zum sog. Vokalausgleich.

Der Vokalausgleich
Damit ist keine Nivellierung der Vokale gemeint. Jeder Vokal besitzt sein Eigenleben, seine individuelle Ausdruckskraft, wie ich Ihnen am Beispiel des Vokals „a“ verdeutlicht habe. Ausgleich bezieht sich darauf, zwischen hellen und dunklen Vokalen einen goldenen Mittelweg zu finden, einen Klangausgleich, der im Übergang von einem zum anderen Vokal keine Klanglöcher entstehen lässt und der – wie bereits erwähnt – auch Dialektfärbungen damit bewältigt.
Wenn Sie in unserem Vokalrad beim „a“ oben beginnen, können Sie grundsätzlich zwei verschiedene Wege beschreiten. Der Weg nach links geht in Richtung dunkle Vokale, der Weg nach rechts zu den hellen Vokalen. Dass am Wegesrand dabei Mischlaute wie „ä“ oder „ü“ stehen, ergibt sich automatisch durch die aktive Formung von Zunge, Lippen und Kiefer. Auf dem Weg vom „a“ zum „Rosen-o“ steht das offene, das englische „o“, das wir aus englischen Wörtern wie „all“ oder „original“ her kennen.

Wolfgang Layer, 7. Apr 2008, Chorgattung, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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