Gesungene Erinnerung für die Zukunft

Eröffnungskonzert der chor.com im Konzerthaus Dortmund

Das Erlebnis Chormusik war in den zurückliegenden eintausend Jahren zu mehr als 90% ausschließlich ein Live-Erlebnis. Und heute? Keine Konserve kann bieten, was ein Konzert vermittelt. Diese eigentliche Binsenweisheit wurde einem besonders bewusst im Eröffnungskonzert der chor.com am 22. September 2011.

Der Komponist und Dirigent Rupert A. Huber, der das Programm zusammen mit Deutschlands führendem Chorwissenschaftler Friedhelm Brusniak komponiert hatte (der Ausdruck „Komposition“ ist nicht zu hoch gegriffen) fasste selbst in Worte, was einen erwarten sollte:

„Das Konzert soll eine wertfreie Bestandsaufnahme der Chormusik des 19. und 21. Jahrhunderts vornehmen. Der erste Teil vor der Pause bietet einen musikhistorischen Blick auf das, was die Gesangvereine im ersten Jahrhundert ihres Bestehens gesungen haben. Das 20. Jahrhundert haben wir so gut wie ausgespart. Im zweiten Teil gehen wir dann der Frage nach, wie sich die Chormusik heute noch positionieren könnte.“

Im Mittelpunkt des Konzerts stand der WDR Rundfunkchor Köln, einer der besten Chöre Deutschlands – nach (!) dem SWR Vokal Ensemble, dessen Leiter Huber über 10 Jahre war. Was die Kölner an stilistischem Einfühlungsvermögen und sprudelndem Improvisationstalent an diesem Abend boten, war nicht zu überbieten. Wenn es eines letzten Arguments bedurft hätte, dass der Klangkörper Männerchor nicht sterben darf, dann war dies die Interpretation von Schuberts „Nachtgesang im Walde“. Und wenn es je einer Bestätigung bedurft hätte, dass Johannes Brahms bis heute keinen adäquaten Nachfolger als Frauenchorkomponist gefunden hat (ich übertreibe ein wenig), dann war es die gleich nach den Männern folgenden „Vier Gesänge“ op.17 für Frauenchor, zwei Hörner und Harfe. Zumindest waren vier Gesänge angekündigt, gesungen wurden indes nur drei. „Der Gärtner“ (so der Titel von Stück Nr.3) war diesmal also nicht Mörder, sondern Opfer:-)

Das Paradestück deutscher Männerchöre im 19. und frühen 20. Jahrhundert gehörte natürlich den Männern: „Lützows wilde Jagd“. Der Theodor-Körner-Text in Carl Maria von Webers Vertonung 1814 ist ein Bravourstück, das nur wenige Männerchöre so kennen, wie es von den „wilden verwegenen Jägern“ des WDR Rundfunkchors virtuos zelebriert wurde. Genial und brillant. Eine Freude war es ohnehin den ganzen Abend über, Rupert Huber zuzusehen, diesem dirigentischen Vokalartisten.

Mit der „wilden Jagd“ begann der eigentliche Chorvereinsteil, der exemplarisch vier Chorsätze zwischen Biedermeier und Revolution präsentierte, in denen Chauvinismus, Nationalismus, Resignation und Rheinromantik jede Menge Gänsehaut transportierten – noch heute! Dazu gehörten weiterhin Robert Radeckes „Aus der Jugendzeit“ (Frauenchor), Johann Wenzel Kalliwodas „Das deutsche Lied“ (Männerchor) und Friedrich Silchers „Lorelei“ (gemischter Chor).

In solche „Niederungen“ ( die Kunstkritik des 19. Jahrhunderts ging mit der „funktionalen Musik“ keineswegs freundlich um) begab sich Robert Schumann niemals. Seine Romanzen für Frauenchor und Klavier op. 91 sind für ein Laienensemble nicht aufführbar, ebenso das Chorstück „Trost“ op. 6 von Max Reger für gem. Chor, mit dem der erste Konzertteil schloss. Reger löst in seinen Modulationen und fließenden Übergängen zwischen den Stimmgruppen die Zeit auf, versetzt den Hörer in ein Gefühl der Unendlichkeitserfahrung: „Und ist kein Tod vorhanden, was Liebes du begräbst, gleich ist´s dir auferstanden, wie du nur treu ihm lebst“. So der Text von Anton Müller. Einen sinnigeren Schluss des ersten Konzertteils konnte man sich schwerlich vorstellen.

Normalerweise wäre an diesem Punkt ein Konzert zu Ende gegangen, ein Konzert mit Chormusik des 19. Jahrhunderts zwischen Bürgertum und absolutem Kunstanspruch. Aber es folgte ein zweiter Teil, der für ein traditionelles Chorpublikum reichlich Sprengstoff bot. Dass es dabei zu keinem einzigen „Buh“ und einhelligem Beifall kam, lag am „was“ und am „wie“.

Es begann mit der Uraufführung des Improvisationsstücks „RE I S I PONS [respons] <Reaktion auf Bestimmtes>

Interpreten waren Teile des Rundfunkchors und die Sängerin und Improvisatorin Natascha Nikeprelevic. Jetzt komme ich zurück zu dem, was ich eingangs erwähnt habe. Ein Konzerterlebnis ist durch keine Konserve der Welt zu ersetzen. Denn Bewegung und Choreographie gehörten ebenso zu dem Stück wie die Musik. Alles war improvisiert und ließ einen zeitweise das Atmen vergessen.

Es gibt zahlreiche Performanceartisten in Ermangelung einer fürs Konzert- und Opernfach nötigen Stimmtechnik. Kein Gedanke daran! Natascha Nikeprelevic ist eine wunderbare Künstlerin.  Ihr „head arrangement“ funktionierte maßstabsgetreu. Dass sie den Chor zu ungehörten Klängen und vokalen Reaktionen anregte, war ihrer tänzerischen und dirigentischen Performance zu verdanken. Wer ein solches Stück komponiert, notiert und einstudiert, wird Schiffbruch erleiden. Weil die entscheidende Komponente nicht vermittelt werden kann: die Zeitachse. Sie kann weder formuliert noch dirigiert werden. Und doch wäre dieses Stück, das am 22. September 2011 zwischen 21.30 Uhr und 22 Uhr das erste und letzte Mal (ur)aufgeführt wurde, auch mit Laienchören machbar. Natürlich auf anderem sängerischen Niveau. Voraussetzung wären nur Neugier, Toleranz und Bereitschaft zu Neuen. Zu hören ist das Konzert übrigens am 7. Oktober 2011 von 20.05 – 22 Uhr auf WDR 3.

Auch beim zweiten Stück nach der Pause handelte es sich um eine Uraufführung mit zwei Performancekünstlern. Es waren die beiden Stuttgarter Rapper Maeckes & Plan B. Ihr Stück für den WDR Rundfunkchor Köln trägt den Titel „John Paul Getty 4 oder die Entführung des Chors ins 22. Jahrhundert. Die Popkultur versucht durch den Chor ein bisschen Lösegeld zu verdienen“. So witzig und von schwarzem Humor gezeichnet der Titel ist, so eindringlich ist seine Botschaft. In einem Vorabinterview antwortete Markus Winter (alias Maeckes) auf die entscheidende Frage: Was erwartet den Hörer im 22. Jahrhundert? „Dadurch, dass sich viele Bewegungen nur noch im Kreise drehen, etwas Ähnliches wie jetzt.“  Der finale Papiersack über den Köpfen der Sänger (Ergebnis: ein reizvoll gedämpfter Chorklang) brachte zwar keine neue Erkenntnis für die Zukunft, aber zumindest die Gewissheit, ihr nicht sofort ins Auge sehen zu müssen.

Das offizielle Schussstück „Nunc dimittis“ (2001) von Arvo Pärt hatte sich der Rundfunkchor selbst ausgesucht. Es präsentierte die aktuelle Chorszene mit ihrer neuen Klanglichkeit und horizontalen Struktur. Nicht enden wollender Beifall…

Und dann noch einmal Gänsehaut bei der Zugabe. Verfemt, verboten, obwohl innigstes Herzblut der deutschen Romantik: Joseph von Eichendorffs „Abschied vom Walde“ in der Vertonung von Felix Mendelssohn Bartholdy. Dank an den Chor, an den Dirigenten, den Spiritus Rector des Programms  für diesen großen deutschen Komponisten am Ende eines Konzerts, von dem man in Zukunft mit Stolz, Hochachtung und Dankbarkeit sprechen darf. Es war ein außergewöhnliches Ereignis. Die Konzertbesucher spürten es.

Wolfgang Layer

Wolfgang Layer, 23. Sep 2011, Chorfest/chor.com, Veranstaltungen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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