Peter Schindlers Liebeslieder-Zyklus „Rosenzeit“

Wo ist der „kranke Nachbar“ geblieben?

Gibt es Lieder, oder besser gesagt Texte, bei denen eine bereits bestehende und als einzigartig empfundene Fassung eine Neuvertonung verbietet? Es mag sie für das individuelle Empfinden des Konzertbesuchers oder des Interpreten geben, aber das kann kein Grund sein, die Uhr anzuhalten und einem zeitgenössischen Komponisten das Notenblatt wegzuschließen.

Peter Schindler, Jahrgang 1960, on the edge of life pflegt man bei einem Künstler zu sagen, hat einen Liederzyklus für Singstimme und Klavier herausgegeben. Insgesamt 30 Lieder auf Texte von Heinrich Heine, Eduard Mörike, Walther von der Vogelweide, Paul Fleming, Friedrich Rückert, Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und Matthias Claudius. Das Hauptgewicht liegt auf der Vertonung der Mörike-Gedichte (19). Sie entstanden im Vorfeld zum 200. Geburtstag des schwäbischen Poeten im Jahr 2004 und liegen mit der Gruppe Saltacello und der Sängerin Sandra Hartmann als „Rosenzeit-Zyklus“ auf CD vor. Die Erweiterung um die restlichen 11 Lieder folgte in den Jahren 2005 und 2006. Der Carus-Verlag hat nun erstmalig alle Lieder in einer Ausgabe für Gesang und Klavier veröffentlicht.

Der Komponist schlägt für eine Aufführung zwei Varianten vor: Alle Lieder (Dauer 90 Minuten) oder einen „Mörike-Liederabend“ (75 Minuten). Er gibt zu bedenken, dass die Lieder ursprünglich für eine Sängerin komponiert wurden, dass sie aber auch fast alle von einem Sänger interpretiert werden können.

Getreu dem eingangs erwähnten Credo, dem Komponisten hier und heute eine Chance zu geben, ohne ihm 200 Jahre Rezeptionsgeschichte „Der Mond ist aufgegangen“ um die Ohren zu wedeln, wollen wir (fast) alle Vergleiche mit Johann Abraham Peter Schulz, Andreas Hammerschmidt, Robert Schumann, Hugo Wolf, Friedrich Silcher usw. ad acta legen und ausschließlich Peter Schindler beurteilen, wen auch sonst?! Aber kann das wirklich funktionieren, wenn einen gleich im ersten Lied „Wenn ich in deine Augen seh“ Robert Schumann at his best überfällt, gefolgt von den Akkorden Hugo Wolfs im verlassenen Mägdlein? Könnte dem Verzicht Schindlers auf harmonische Emotionalität eventuell der Gedanke zugrunde liegen, ganz anders als die berühmten Vorbilder zu komponieren, also einfach „Tal, wo vorher Berg“, langes Vorspiel, wo einst nur ein Akkord stand, kaum Nachspiel, wo vor knapp 175 Jahren sich die Gedanken musikalisch erst nach und nach beruhigten?

Wenn es schon dem Rezensenten schwer fällt, eine neue, eine andere Tonsprache als die ihm vertraute zu akzeptieren, um wieviel größer und anders und eigenständiger muss die Idee des Komponisten für jedes Lied gewesen sein! So, wie man die großen Liederzyklen der Romantik erst zu durchwandern hat, bevor man ihr Ziel erkennt, ist es auch bei Schindler, dessen Klangsprache noch kein zeitlicher Abstand fokussieren hilft.

Auffallend schon nach wenigen Seiten ist das Handwerkzeug Schindlers. Ich spreche vom PC. Es ist ein Riesenunterschied, ob ein Komponist am PC/Keyboard komponiert oder mit Bleistift auf dem Notenblatt. Kein Kompositionslehrer in der Musikgeschichte hat bei seinen Schülern so große Spuren hinterlassen wie die Notenschreibprogramme Finale, Sibelius, capella, Forte & Co. Das betrifft kein Qualitätskriterium, sondern einfach die Interaktion zwischen dem Komponisten und dem Programm.

Ausgangspunkt für Heinrich Heines „Himmelslust“ ist bei Schindler eine für ihn adäquate himmlische Stimmung – wer weiß schon, wie die Stimmung da oben wirklich ist?! Auf alle Fälle „leggiero e poco dolce“. Keine wehmutsvolle Falte im Gesicht des jungen Mädchens (oder Mannes), stattdessen das Lächeln einer glücklichen Beziehung mit „Himmelsoktave“ in der Melodie. Die da spricht, äußert sich nicht im gehobenen Ton, sondern mehr parlando als cantando, und die kleine Triole bringt keine Unruhe, sondern affirmative Wiederholung. Wer sich des anderen sicher ist und „Himmelslust“ empfindet, meidet Pathos. Friedrich Silcher hat Ähnliches in seinem Lied „Wohin mit der Freud“ artikuliert. Interessanterweise ist es auch bei ihm die Oktave „… und wie schön bist du heut“, die das Wohlgefühl beschreibt. Hat es eine Bedeutung, dass dieses Lied so exponiert am Beginn eines Liebeslieder-Zyklus steht, der den Titel „Rosenzeit“ trägt?

Anfangslied und Schlusslied eines Zyklus – wer denkt nicht automatisch an Schuberts „Winterreise“? „Die Enthusiasten“ (Mörike) bilden das Schlusslied des Zyklus, erhalten von Schindler nur trockene Akkorde und Tonleitern. Ihre Himmelslust ist, obwohl „Gott sie lieb hat“ als seine „besten Narrn“, eine manische, ihre Gelöstheit eine panische. „Himmel und Erde fressen sie und fressen sich nie satt“. Kein „bitterlich-glückliches Weinen“ mehr, kein lockeres parlando, stattdessen gestelzte Intervalle und Triolen. Voilà, so ist die Welt.

„Das verlassene Mägdlein“ an zweiter Stelle – mit ihm beginnen die bereits vor 10 Jahren entstandenen Mörike-Vertonungen – ist noch einmal so ein „parlando-Lied“. Es ist ganz nah am Text komponiert mit zunächst zwei Akkorden und drei Melodietönen, welche der depressiven, geknickten, schwermütigen Stimmung ein fatalistisches Ostinato aufzwingen, aus dem auch das signifikante zweitaktige Achtelmotiv im Zwischenspiel keinen Ausweg findet – wir bewegen uns immerhin im „Allegro agitato“. Die berühmte Stelle im Gedicht „Plötzlich, da kommt es mir, treuloser Knabe“ muss keinen Vergleich mit Hugo Wolf scheuen, weil sie den Mörike so ganz anders übersetzt. Die vier Takte des Entgleitens in den Traum gehören zu den schönsten Stellen im ganzen Heft. Und dann geht alles ohnehin ganz anders weiter, als man es vermutet hätte.

Eine intensive Beschäftigung mit den alten und neuen Liedern dieses Zyklus lohnt. Wer sich mit Schindlers zahlreichen Kinderliedern beschäftigt hat, kennt seine Vielseitigkeit. Hier ist ein hochsensibler Künstler mit einem gesunden Selbstbewusstsein am Werk, der als zeitgenössischer Liedkomponist etwas zu sagen hat. Stilistisch bündeln sich verständlicherweise alle Erfahrungen im Spannungsgeflecht von Chanson, Musical, Jazz und klassischer Ausbildung. Die Synkope ist immer wieder rhythmisches Gestaltungsmittel, das die starre Metrik aufbricht. Der „offene Klaviersatz“ pulsiert die Texte über einer Harmonik ohne Berührungsängste.

Die „Loreley“ als Bluesballade, Paul Flemings Barocklyrik „Wie er wolle geküsset sein“ als Chanson mit raffiniert sequenzierendem Klaviersatz, Schillers „Der Handschuh“ als Swing mit walking bass, Goethes „Der Fischer“ als „wellenatmende“ Triolenballade – alles erlaubt! Doch was passiert mit dem „Nationalheiligtum Deutscher Mond“? Matthias Claudius und Johann Abraham Peter Schulz müssen sich nicht umdrehen im Grabe, sie ruhen auf ostinaten Akkord- und Vorzeichenwechseln und haben mit dem Zitat „Guter Mond, du gehst so stille“ zwischen der 2. und 3. Strophe ein viertaktiges Zwischenspiel Marke Clementi erhalten.

Und was geschah mit dem „kranken Nachbarn“, der im 21. Jahrhundert ebenso pflichtversichert ist wie sein freundlicher Mitbewohner parterre links? Der entfiel (leider) zugunsten einer abschließenden Zusatzhymne auf Nebel, Sternlein und die Wiederholung der ersten Strophe. Musikalisch gibt´s dazu einen Schuss Bluesfeeling und Pfefferminzakkorde. Der Versuchung, dem Gemüt einer nicht mehr existierenden Welt noch eins draufzusetzen, hat Schindler zum Glück widerstanden. Wolfgang Layer

Erschienen im Carus Verlag CV 5.304

Weitere Details unter: http://www.carus-verlag.com/index.php3?BLink=KKArtikel&ArtikelID=42249

Wolfgang Layer, 14. Jun 2014, Chorliteratur / Medien, Gelesen, gehört, Themen, Kommentare per Feed RSS 2.0, Kommentare geschlossen.

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