Kinderchorarbeit als Sozialarbeit

Gudrun 2008_Ein Gespräch mit Gudrun Fahr von der Chorwerkstatt Neckartenzlingen

Die Chorwerkstatt Neckartenzlingen hat im vergangenen Jahr das Musical „Immanuel Immanuel“ https://www.singen-und-stimme.de/?p=23600 von Viktoria teReh und Wolfgang König aufgeführt. 90 Kinder und Jugendliche im Alter von 4 bis 17 Jahren sangen und spielten unter der Regie von Heike Weis mit großer Begeisterung und übertrugen diese in zwei Aufführungen auf das Publikum. SINGEN sprach mit Gudrun Fahr (GF), eine der beiden Vorsitzenden des Vereins.

SINGEN: Kinder- und Jugendchorleiter brauchen nicht nur musikalische Fähigkeiten. Sie decken heute im Idealfall sehr viele Kompetenzen ab.

GF: Meine Erlebnisse als langjährige Kinder- und Jugendchorleiterin haben mich zu einer guten Pädagogin werden lassen. Das erscheint mir als eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Chorarbeit. Sich in Kinder hineinversetzen, Mitgefühl zeigen, mit Lob und Anerkennung Motivation aufbauen, sich kümmern bei längerer Abwesenheit, die Eltern kennenlernen und vieles mehr. Die Kinder spüren sofort die Anteilnahme und danken es mit begeisterter Mitwirkung.

SINGEN: Über die „Reparaturwerkstatt Schule“ wird im Zusammenhang mit Defiziten des Elternhauses oft gesprochen. Wie sieht das mit dem Verein aus?

GF: Zum Glück haben inzwischen auch Eltern begriffen, dass eine Strafe wie „erst wenn Du bessere Noten hast, darfst Du wieder singen gehen“ völlig unsinnig ist. „Singen als Lebenshilfe“ nach Karl Adamek sagt genau aus, dass singende oder musizierende Kinder leichter lernen. Den Kopf frei kriegen, mal 1 oder 2 Stunden sich nur auf Noten konzentrieren, die erfolgreich einstudierte Melodie genießen und im Kopf mit nach Hause nehmen,  macht das Lernen einfacher. Selbst die Abiturienten in der Chorwerkstatt kommen zur Chorprobe, auch hier ihre Aussage: Bei dem vielen Lernen in der Schlussphase vor dem Abi tut das Singen gut.

Durch die Kooperation mit der Schule wurden uns öfters Kinder zugeführt mit der Bitte, sie bei uns aufzunehmen, da sie im Unterricht disziplinmäßig nicht zu packen sind. Meistens waren und sind das sogar gute SängerInnen. Es ist nicht einfach, solche Kinder zu integrieren, wenn sie sich mal 3 Meter hinter den Chor setzen, sich auf den Boden legen oder einfach nicht mitsingen. Aber vielfach gelingt es, diese Kinder wenigstens eine Zeit lang zu beruhigen und sogar bei Aufführungen mit auf die Bühne zu stellen, wo das dann wunderbar funktioniert. Eine schwere Aufgabe für den/die ChorleiterIn!

SINGEN: Wie ist das mit den oft erwähnten sog. Brummern? Gibt es die auch bei Ihnen?

GF: In jedem Kinderchor stellen sich erstaunlicherweise auch Brummer ein. Wir bemühen uns mit Einzelunterricht um jedes dieser Kinder. Manchmal mit Erfolg, manchmal klappt es nicht. Aber gerade diese Kinder bleiben oft jahrelang im Chor, sehr zum Kummer der Nebensitzer, die schon mal laut sagen: die brummt. Dann ist wieder die Diplomatie des Chorleiters gefragt. Irgendwie haben wir das über Jahre immer hingebogen. Entscheidend ist es immer wieder, jedem Kind das Gefühl zu geben, herzlich willkommen zu sein, Beachtung und Anerkennung zu finden.

SINGEN: Zweites aktuelles Thema sind Kinder mit Migrationshintergrund.

GF: Kinder mit Migrationshintergrund werden in der Chorwerkstatt immer gern und ohne Probleme aufgenommen. Mal sind es in einem Jahrgang viele Kinder mit unterschiedlichster Nationalität, mal sind es weniger. Aber alle sind herzlich willkommen, die Eltern freuen sich meistens darüber. Und wenn es eine Aufführung gibt, kommen diese Eltern mit ihrer oft großen Familie.

SINGEN: Drittes aktuelles Thema ist die Inklusion.

GF: Die Chorwerkstatt hat langjährige Erfahrungen mit Kindern mit Behinderungen. Obwohl es Punkte gibt, wo sie nicht mithalten können, werden sie nicht ausgeschlossen und nehmen an allem teil. Die Chorkinder akzeptieren das. Solche Kinder sind besonders treu, weil sie hier im Chor die gleiche Aufmerksamkeit bekommen wie die anderen.

Wichtig war und ist für mich und meine Tochter, die heute Kinder- und Jugendchor leitet, sich von Anfang an Respekt zu verschaffen und Qualität anzustreben. Die Proben in der Chorwerkstatt sind nicht dazu da, ein fröhliches Miteinander mit Tralala-Liedern durchzuführen, sondern jeder soll hier lernen und etwas fürs Leben mitnehmen: Die eigene Stimme kennenlernen, die Leistung verbessern, in der Gemeinschaft eine tolle Musik zu machen, auch als weniger guter Schüler im Chor die gleiche Anerkennung zu finden, wichtig zu sein für das gute Gelingen.

SINGEN: Wenn Sie alles zusammengenommen betrachten, worauf führen Sie die Erfolge Ihrer Chorwerkstatt zurück?

GF: Die Erfolge der Chorwerkstatt-Kinder basieren nicht nur auf dem guten Singen, sondern auf einer intensiven Stimmbildung, auf „bewegten“ Proben, wo also fast immer Bewegung und Rhythmus im Spiel ist, und auf großen Projekten – gemeinsam mit den Erwachsenen in Shows oder Musicals.
Wir beobachten dabei eine positive Entwicklung der Kinder vor allem im sozialen Verhalten. Bei allen Anstrengungen unserer Chorleiter und Betreuer macht diese Erkenntnis unsere oft zeitraubende Arbeit zu einem dankbaren Aufgabenfeld.

SINGEN: Vielen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg!

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